Wie viel Attachment Parenting ist noch gesund für uns?

Mittlerweile dürfte die neue Erziehungsmethode, die sich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert, den meisten Eltern ein Begriff sein. Auch ich praktiziere viele ihrer Ideen sehr gerne und schaue in erster Linie danach, was meine Kinder brauchen. Doch auch mir ist es zunehmend passiert, dass ich in die Falle des Attachment Parentings geraten bin. Ich bin Muttiert. Was genau ich damit meine und wieso auch das Attachment Partenting seine Grenzen haben sollte, möchte ich Dir im heutigen Beitrag erklären.

Für viele von uns ändert sich das Leben schlagartig, sobald wir Kinder bekommen. Diese haben so ganz und gar einen eigenen Rhythmus und vor allem Willen. Gleichzeitig verabschiedet sich die Gesellschaft nach und nach von der authoritären Erziehung und driftet immer mehr ins Gegenteil: der bedürfnisorientierten Erziehung, zu Englisch Attachment Parenting. Ziel dieser Erziehungsform ist, sich voll und ganz auf die Bedürfnisse der Kinder einzulassen und durch Liebe und Zuneigung die Bindung zum eigenen Kind zu stärken. Besonders bekannt für diese Form der Erziehung ist Jesper Juul, welcher viele Ratgeber dazu verfasst hat, wie man liebevoll auf seine Kinder eingehen kann und diese völlig ohne Machtmissbrauch erzieht.

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Das Beste für unsere Kinder?

Als ich meine Große bekam, war diese Form der Erziehung noch weniger bekannt und auch an mir ist sie spurlos vorbeigegangen. Mehr oder weniger habe ich mich aber von selbst an bestimmten Werten dieser Erziehung orientiert. Zum Beispiel durfte auch meine Große damals schon immer bei uns schlafen, weil sie diese Nähe benötigt hat. Andererseits war ich damals noch sehr selbstbewusst und wusste immer, was ich wollte und vor allem wo ich hin wollte. In vielen Punkten musste die Familie eben mitziehen – als ich nach 15 Monaten anfing, eine Ausbildung zu machen und vollzeit zu arbeit beispielsweise. Da war weniger Platz für jegliche Bedürfnisse, allerdings hatte ich auch nie den Eindruck, dass sie Probleme mit dieser Lebenssituation hatte. Die Eingewöhnung dauerte keine zwei Wochen, der Mittagschlaf hat sich zügig umgestellt und sie weinte mir auch nie nach. Ja, ich möchte sogar behaupten, dass unser Alltag sehr gut mit den für alle auferlegten Grenzen und Aufgaben funktioniert hat.

Erst 5 Jahre später, als ich mit meiner kleinen Tochter schwanger wurde, began ich umzudenken. Denn da schon, beschäftigte ich mich mit den Bedürfnissen der Babys, anstatt mit derer Entwicklung. So wanderten statt „Oje ich wachse“ Titel auf meinen Leseplan wie „Verwöhn Dein Baby nach Herzenslust“ und plötzlich drehte sich alles nur noch darum, wie ich zu einer bestmöglichen und liebevollen Mama werden kann.

Vielleicht wurde das ganze auch noch durch meine komplizierte Schwangerschaft angeheizt, in der wir beide nochmal eine ganz besondere Verbindung zueinander bekommen haben. Vielleicht habe ich mich auch einfach beeinflussen lassen. Wer weiß das schon. Als das Baby geschlüpft ist, wurde aus mir eine 100 % Mama aus Leib und Seele. Schließlich ist das ja das Beste für unsere Kinder- oder?

Aber wo bleibe eigentlich ich?

Und so ist es ganz schnell passiert, dass aus Wio nur noch Mama wurde. Eine Mama, die den ganzen Tag stillt, das Baby durch die Gegend trägt, es auf sich schlafen lässt, in den Pausen nach dem großen Kind guckt, teils nur zwei Stunden die Nacht schläft und alles geduldig über sich ergehen lässt. Hinzu kam, dass unser Baby zu einem High Need Baby wurde, was unsere Situation als Familie nochmal zusätzlich erschwert hatte. Viele Monate lebte ich nur noch für die Kinder. Aber wer war ich eigentlich? Die Person, die ich einmal war, lag ganz tief unter mir vergraben, alles drehte sich nur noch um die Kinder und teils um den Haushalt. Ich ging auf Abstand zu jeglichen Freunden, da keiner wirklich verstand, wieso ich mich derart in dieses Mamasein so hineinsteigerte. Und oft dachte ich, ich hätte gar keine andere Wahl.

In den letzten Wochen führe ich mit meinem Mann ständig ein und dieselbe Diskussion: er geht am Wochende gerne bei seinem besten Freund vorbei. Ich bin gefrustet, weil wir uns schon die ganze Woche nicht sehen und ich dann am Wochenende auch noch alleine sein muss. Als Kompromiss schlägt er mir vor, dass er die Kleine nimmt und ich auch mal irgendwo hingehen kann. Und hier liegt schon das große Problem: wohin und vor allem mit wem?

Ich habe in den letzten Monaten mein Leben voll und ganz auf meine Kinder reduziert. Mein Freundeskreis besteht zu 95% aus Mamas, die selbst mit ihren Kindern zuhause festsitzen. Und Hobbys…was sind schon Hobbys? Und da sind wir bei meiner vorherigen Aussage angekommen: ich bin Muttiert. Aus Wio wurde Mama, ganz ausnahmlos.

Schadet die bedürfnisorientierte Erziehung den eigenen Bedürfnissen?

Ganz krass gesagt erkenne ich im Attachment Parenting vor allem eines: völlige Selbstaufgabe. Ich kommunizierte im Internet oft mit Müttern, den es genauso geht wie mir. Wir sind quasi ein kleiner Kreis an Frauen, die von ihrer Umwelt nicht verstanden werden, weil wir uns so voll und ganz auf unsere anstrengenden Kinder eingelassen haben. Wir versuchen uns, zwischen schlaflosen Nächten und tausenden von Wutanfällen durchzuschlagen, dabei aber immer freundlich zu beliben, schließlich können die Kinder nichts dafür. Sie haben eben nun mal starke Charaktere und wir als Eltern müssen lernen, diese liebevoll zu begleiten und zu verstehen. Dann wird es schon von ganz alleine besser…. ODER?

Und doch nerven mich zunehmend gewisse Aussagen, um nicht zu sagen, sie treiben mich in den Wahnsinn

  • Ich verzichte auf Ausflüge, Shopping Touren oder jegliche Autofahrten, weil mein Kind das nicht mag und nicht mitmacht
  • Ich stille mein Kind bis weit ins 3. Lebensjahr hinein, weil es meine Brust und die Nähe braucht (und ich Angst vor dem Drama beim Abstillen habe)
  • Ich verzichte darauf, wieder arbeiten zu gehen und bleibe bei meinen Kindern zuhause, weil sie mich brauchen
  • Ich verschwende meine „Pausen“ in den mein Kind schläft, indem ich mit im Bett liegen bleibe, weil es nicht alleine schlafen will
  • Aber auch in den Wachphasen mache ich keinen Haushalt, weil mein Kind meine Aufmerksamkeit braucht und sich nicht selbst beschäftigen kann

Und es sind noch viele, viele solcher Aussagen mehr. Was mich jedoch am meisten daran frustriert ist, dass sehr viele dieser Aussagen momentan auf mein eigenes Leben zutreffen. Weil auch ich mich aufgegeben habe, um mich von meinen Kindern voll und ganz einnehmen zu lassen. Weil ich nicht mehr ich bin, sondern versuche, alles meiner Familie recht zu machen.

Eine glückliche Mama ist eine gute Mama!

Vor einigen Wochen habe ich aus meinem verstaubten Schrank mein altes Dankbarkeitstagebuch herausgeholt. Den Denkanstoß dazu hat mir eine andere Bloggerin gegeben, die genau dieses letztens vorgestellt hat. Damals ist bei mir das Schreiben an demselben Problem gescheitert, wie aktuell auch: es ist für mich zu schwierig, diese Fragen zu beantworten. Dabei ist es eigentlich so einfach! Morgens und abends sollen wir uns jeweils 3 Minuten Zeit nehmen, um zu notieren, was uns glücklich macht und wofür wir dankbar sind. Doch ich sitze jedes Mal da und mir fällt einfach absolut nichts ein! Besonders die Frage „Was hast Du heute schönes erlebt“ versetzt mich regelrecht in Panik.

Meine Tage sind nämlich völlig gleich und eintönig. Und vor allem sehe ich nichts und niemandem außer meinen Kindern, abends meinen Mann und den Haushalt, der sich hier stapelt. Ich laufe bei gutem Wetter immer dieselbe Runde spazieren, bei schlechtem Wetter sitzen wir über ein und derselben Spielzeugkiste und vertreiben uns die Zeit, damit der Tag endlich vorbei ist und ich mich abends vor den Fernseher flacken und vor mich hin vegetieren kann. That’s all. Aber das ist nicht das Leben.

Dabei vergessen wir alle, dass eine glückliche Mama den Kindern viel mehr nützt, als eine, die ihr leben „erträgt“ und immer schlecht gelaunt und gereizt alle Launen der Kinder schluckt. Und diese im schlimmsten Fall abends an ihrem Partner auslässt. Dass auch eine Mama, ein ventil braucht, um sich selbst wieder zu lieben und so ihren Kindern die Liebe geschenken kann, die sie so sehr brauchen. Das sollte das Ziel des Attachment Parentings sein. Nicht das der Selbstaufgabe und des Ertragens aller Sonderwünsche unserer Kinder zu ihrer vollen Zufriedenheit.

Wer kann in Wahrheit nicht los lassen?

Genau in diesem Augenblick habe ich etwas gewagt. Denn als meine Kleine ihren Schlaf beendet hat, war der Beitrag noch nicht fertig und die Worte waren eben noch so laut und klar in meinem Kopf, dass ich sie niederschreiben MUSSTE. Also setzte ich mein Baby, das dauerhaft einen Clown braucht, um beschäftigt zu werden auf den Boden. Sie spielt gerade seit 15 Minuten alleine, ist sogar aus dem Raum gekrabbelt. Und das lässt die Frage in mir immer lauter schreien, ob es in Wahrheit gar nicht die Kinder sind, die nicht loslassen können, sondern wir muttierten Mamas, die nichts mehr ohne ihre (schwierigen) Kinder sind.

Erziehst Du bedürfnissorientiert? Wie ist das mit Deiner Selbstaufgabe? Erzähle mir davon in den Kommentaren

9 Antworten auf „Wie viel Attachment Parenting ist noch gesund für uns?“

  1. Oh wow vielen lieben Dank für deine Verlinkung zu meinem Blogbeitrag 🙂
    Es ist glaube ich ein kleiner immer fortwachsender Prozess. Ich hatte schon Momente in denen es mir auch leichter fiel mich abends für 3 Sachen in Form der Dankbarkeit zu beschäftigen. Das war dann die abgespeckte Version. Irgendwann viel es mir wieder leichter und ich konnte das Buch wieder normal weiterführen. Vielleicht hilft dir das ja auch 🙂

    Und wenn du raus gehst, geh ruhig mal einen anderen Weg mein Mann und ich haben vor einigen Monaten, als wir neu in die Gegend gezogen sind gesagt wir laufen einfach drauf los und an jeder Ecke haben wir Schnie-Schna-Schnuck gespielt um zu entscheiden, ob wir links oder rechts abbiegen. Im Zweifel hat man ja Maps am Handy dabei. War auf jeden Fall lustig und man hat neue Wege kennengelernt. Oft sind wir im Sommer einfach durch die Wohngegend gelaufen und haben uns die vielen schönen Häuser angeschaut.

    Liebe Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

  2. liebe Wio,
    meine Söhne sind erwachsen, aber auch ich habe schon während der 1. Schwangerschaft ausgiebig Jesper Juul gelesen und kann sehr viele Punkte in deinem Artikel gut nachvollziehen.
    Ich glaube es ist wichtig als Mutter sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren.
    liebe Grüße Claudia

  3. Ein gesunder Mittelweg ist, wie fast immer, ein guter Weg. Egal wie man sein Dasein als Mutter gestaltet meist passt es doch. Das größte Problem ist, dass jede denkt nur ihre Methode sei richtig. Das bedeutet einen enormen Druck für alle. Erinnert mich immer etwas an Religion, da denkt ja auch jede Richtung sie sei die einzig wahre Religion und alle anderen irren.
    Alles Liebe
    Annette

  4. Wow, dein Beitrag regt zum Nachdenken an. Ich bin leider noch keine Mama, kenne diese Perspektive also nicht. Jedoch bin ich der Meinung, dass man sich nicht aufgeben sollte. Kinder sind wichtig und stehen wohl an erster Stelle, aber man ist ja nicht nur Mama sondern auch Frau. Deshalb würde ich eine Balance finden, so dass es den Kids gut geht und auch meine Bedürfnisse berücksichtigt werden.

    Lieber Gruß
    Sophia

  5. Hey Wioletta,
    da ich oft ohne Kinder unterwegs war (Uni, Bibliothek, Arbeiten, Freunde treffen), gab es mich schon noch, nur als unglaublich müde Version meiner selbst.^^ Ich denke schon, dass wir sehr bedürfnisorientiert erzogen haben – Mama und Papa! – und auch jetzt noch erziehen, aber nicht um jeden Preis. Also ich habe weder Studium noch Arbeit noch Nebenjobs aufgegeben, weil ich Mutter wurde (Lediglich einige Hobbys und Ehrenämter), aber ich habe die Kinder gefühlt den ganzen Tag rumgetragen, gestillt, wann sie wollten, und ich habe sie neben oder auf mir schlafen lassen.

    Auch jetzt wo sie größer sind, nehme ich ihre Bedürfnisse ernst – aber nicht immer sind ihre Bedürfnisse die wichtigsten und werden (direkt) erfüllt. Wir sind schließlich vier Personen, denen es gut gehen muss.

  6. Liebe Wioleta,

    mich hat dein Artikel sehr berühert. Jede Mutter stellt sich wohl irgendwann in ihrem Leben die Frage, ob sie eine Gute ist. Ich muss gestehen, dass ich so gut wie gar keinen Ratgeber gelesen habe und auch schon damals Schwangerschaftsvorbereitungskurse boykottiert habe.
    Ich finde es gut und richtig, wenn Kinder so aufwachsen können, wie es ihrem Wesen entspricht. Das eine Kind braucht mehr Aufmerksamkeiten und Zuwendung, als ein anderes Kind. Manche sind ängstlicher, andere nicht. Das ist gut und auch richtig so. Aber Eltern sind eben auch Menschen und sie müssen auch das Recht haben, an sich selber denken zu dürfen.
    Mir ist aufgefallen, je ausgeglichener und glücklicher ich bin, um ruhiger ist auch mein Kind.
    Ich denke, dass die Mitte der richtige Weg ist.

    Liebe Grüße,
    Mo

  7. Hallo Wio, heißt Du so, richtig, Busymana? Ich bin single Mom und mein Sohn mittlerweile 11. Für uns war es nochmal ganz anders, da niemand so richtig da war mir das Kind abzunehmen. Ich habe es einfach in mein Leben eingebunden und gleichzeitig aber auch geliebt eine mittagskochende Mutter zu sein. Ich fand diese Jahre mit allem drum und dran toll, denn nun wird er Teenager, aber die Zeit zusammen haben wir im Kasten. Mittlerweile bin ich selbstständig, habe ein Netzwerk für Frauen gegründet, betreue Flüchtlingskinder und noch so einiges mehr. Alles kommt zur richtigen Zeit. Danke Dir für diesen Beitrag! VG, Sirit von Textwelle, der Textagentur.

  8. HMMMM, ich bin mir nicht wirklich sicher, was ich von diesem Thema halte.
    Bedürfnisse berücksichtigen – ja. Doch dann aber bitte die Bedürfnisse aller Familienmitglieder.
    Es klingt alles ein bisschen Einseitig, dabei ist das gesamte Leben miteinander geprägt von Kompromissen. Das aber lernt in dieser Version kein Kind.
    Vielleicht aber sehe ich das auch völlig falsch.

    Liebe Grüße, Katja vom https://wellspa-portal.de

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