Wie unsere fetale Anämie ausging – vom schwierigen Happy End

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Schließlich habe ich mich in der Kinderwunschzeit und während der Schwangerschaft mehrfach am Blog mit meiner Rhesusunverträglichkeit und der eingetretenen Anämie beschäftigt. Mein letztes Update habe ich nach der ersten Nabelschnurtransfusion gepostet. Wer mir folgt weiß natürlich, dass die Maus nun auf der Welt und gesund ist. Auch über Facebook habe ich euch auf dem Laufenden gehalten. Monatelang herrschte nun Stille um dieses Thema. Zum einen musste ich das Erlebte verarbeiten und das habe ich bis heute nicht wirklich geschafft. Zum anderen ist es doch sehr privat, was da noch alles passiert ist. In den letzten Wochen jedoch haben mich Nachrichten von Frauen erreicht, die in derselben Situation sind…Und alle fragten sie nach dem danach.

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Ich erinnere mich noch gut an meine Kinderwunsch Zeit. Wir wussten ja, dass es Probleme geben würde, aber welche genau, konnte mir keine sagen. Ich habe das gesamte Netz durchforstet, doch nirgends hat irgendwer darüber geschrieben, was denn bei der zweiten Schwangerschaft passiert, wenn es in der ersten zu einer Bildung von Antikörpern gekommen ist. Die KiWu Sprechstunde hat natürlich versichtert, dass sie mehrfach diese Fälle hatten und dass meine Schwangerschaft streng überwacht werden würde. Doch es liegt denke ich in der menschlichen Natur und am Informationszeitalter, dass man alles immer genau wissen möchte, am Besten anhand realer Beispiele. Erst viel später fand ich in einer Facebook Gruppe für Frühchen Eltern eine Frau, die dasselbe durch hatte (an dieser Stelle nochmal lieben Dank Claudia für den Austausch! Ohne Dich wäre ich damit wirklich alleine gewesen…) und die mir in etwa den Ablauf schildern konnte. Ansonsten gibt es zu den Themen kaum Informationen oder Berichte. Deshalb ist es mir umso wichtiger, euch auf dem laufenden zu halten, wie es mir erging!

In diesem Beitrag steht nochmal beschrieben, was Rhesuskonflikte sind

Wie ging es nun also weiter nach der ersten Bluttransfusion??

Ich hatte euch noch geschrieben, wie genau eine Transfusion durch die Nabelschnur erfolgt, wie es einem dabei ergeht und wozu das ganze gemacht wird. In diesem Beitrag hatte ich noch eine kleine Übersicht geschildert, wie es weiter gehen sollte… aber war es genau so wie vorhergesagt? Wann ist es denn das schon? Ich hatte eine monatelange Achterbahnfahrt hinter mir…

hier könnt ihr nochmal nachlesen, wie meine erste Transfusion abgelaufen ist

Das letzte Drittel der Schwangerschaft

Trotz der angekündigten Komplikationen hatte ich im Großen und Ganzen eine recht angenehme Schwangerschaft. Ich hatte mich irgendwann daran gewöhnt, ständig beim Arzt oder in der Klinik zu sein, irgendwann war ich vor den Ergebnissen des Ultraschalls auch gar nicht mehr so aufgeregt. Doch pünktlich zum Trimesterwechsel hat sich einfach alles gewendet…

“Ich muss den Blutfluss mit der Klinik besprechen”

Es war eine ganz komische Woche. Ich hatte einfach eine innerliche Unruhe und habe gespürt, dass etwas nicht stimmte. Obwohl ich am Donnerstag einen Kontrolltermin bei meinem Arzt gehabt hätte (ich wurde im 10-14 Tage Takt kontrolliert) bin ich schon am Dienstag hin. An dem Tag schaute er nur kurz drüber, hat die Blutflussgeschwindigkeit nicht gemessen, aber er meinte, es sei alles ok. Als mich das schlechte Gefühl nicht los ließ, hat meine Hebamme mittwochs nochmal ein CTG gemacht, aber auch nichts auffälliges gefunden. Ich erinnere mich, dass wir an diesem Abend in Tübingen zur Kreißsaal Besichtigung waren, schließlich war ich bereits in der 31. SSW und da alle Zeichen auf eine Frühgeburt standen, wollte ich zumindest mal dort gewesen sein. Wenn ich gewusst hätte, was am drauffolgenden Tag käme und dass dieser Kreißsaal für die nächsten 6 Wochen mein zweites Zuhause wäre, hätte ich es gelassen.

Am Donnerstag war ich also zur Regeluntersuchung und schon etwas beruhigter, schließlich wurde mir von zwei Personen versichtert, dass alles gut sei. Doch beim Ultraschall wurde der Arzt still und meinte dann nur “Frau Schmidt, nehmen Sie draußen Platz, ich muss mit der Klinik telefonieren. Ich bin mir mit der Geschwindigkeit unsicher”. Das war die wahrscheinlich längste halbe Stunde meines Lebens, bis mir mitgeteilt wurde, dass ich in Tübingen anrufen solle, die würden es sich gerne nochmal ansehen. Noch am selben Tag hatte ich einen Termin und beide Professoren, die die Prenatale Klinik leiteten standen um mich herum und diskutierten, wie schnell die Transfusion erfolgen sollte, schließlich hätte das Kind noch keine Lungenreife erhalten und der Eingriff sei unter Kaiserschnittbereitschaft (näheres zum Vorgang im verlinkten Artikel oben). Ich lag nur da und mir liefen die Tränen das Gesicht runter, ich konnte nicht sprechen und nicht denken… Es war alles wie im Schockzustand. Schließlich beschlossen sie, dass der Montag reichen sollte, noch am selben Tag bekam ich die Lungenreife gespritzt und 24 h später erneut.

Die erste Transfusion

Pünktlich am Montagmorgen, es war der 23. Oktober, war ich in der Klinik mit gepackter Tasche, denn ich müsste mindestens eine Nacht stationär zur Beobachtung bleiben. Die erste Transfusion verlief problemlos, dauerte ganz kurz und ich dachte mir ernsthaft “und das war alles?”… hätte ich mir diese Gedanken doch nur verkniffen! In 6 Tagen sollte ich wieder in die Klinik kommen zur Kontrolle, sie gingen aber davon aus, dass erst in zwei Wochen eine erneute Transfusion erfolgen müsste.

Zum Schluss hin machte ich oft Bauchbilder. Schließlich wussten wir nicht, wie lange ich die Schwangerschaft noh genießen würde 🙂

Der Zustand verschlechterte sich schneller als gedacht

Als ich in der darauffolgenden Woche zur Kontrolle kam, war der Blutfluss leider viel schlechter, als vor der Transfusion. Das bedeutete, dass sie erneut stark durch die Antikörper angegriffen wurde und das zugeführte Blut nicht ausgereicht hatte. Wir könnten also keine weitere Woche warten, die Transfusion musste schon am nächsten Tag erfolgen. Ich war wieder einmal am Boden zerstört und machte mir große Sorgen.

Die Transfusion selbst verlief auch viel schlechter als die erste. Zum einen fiel dem Krankenhausperaonal ein, dass ich eigentlich einen leeren Magen haben muss, falls es zu einer Sectio käme. Also lag ich an diesem Tag völlig unterzuckert im Kreißsaal rum, durch viele geplante Kaiserschnitte an dem Tag (der OP musste frei und das Personal zum Notfall bereit sein) dauerte es bis nach 16 Uhr, bis ich dran war. Bis zum Abend war mir wahnsinnig schwindelig, das Beruhigungsmittel hat mir sehr zugesetzt. Und dann passierte das, wovor ich so angst hatte: Lea schnappte sich während des Eingriffs die Nabelschnur und riss die Nadel raus. Es waren ganz komische, nicht definierbare Schmerzen und überall spritzte das Blut, ich fing an zu weinen. Dann bekamen wir nochmals Beruhigungsmittel gespritzt, und mussten eine gefühlte Ewigkeit warten, bis ich wieder flach atmen konnte und es mit der Transfusion weiter ging. Aber dann hatten wir es geschafft und laut Ultraschall ging es Lea super.

Positive Aussicht auf 37+0

Nach der zweiten Transfusion war ich bei 33+, es ging aber darum, die 37+0 zu erreichen, um kein Frühchen zu bekommen. So war die Aussage des Profs. Aber er wollte es so timen, dass wir nur noch ein Mal Fremdblut geben müssen, somit musste alles genau geplant werden. In welchen Zeitabständen der Rest genau passierte, daran kann ich mich um ehrlich zu sein nicht erinnern, bis zur dritten Transfusion vergingen aber in etwa zwei Wochen. Und dies war mit großem Anstand die schlimmste aller Transfusionen! Meine Maus hatte zu dem Zeitpunkt schon über 3 kg, war sehr aktiv und es hat viele Einstiche gebraucht, bis der Prof gut in die Nabelschnur treffen konnte. Mitten drin mussten wir außerdem aufhören, da ein Notfall in den Kreißsaal kam und unklar war, ob es zu einer Sectio bei der anderen Frau käme. Erst als das “verschoben” werden konnte, bekamen wir das Go und es ging weiter. Insgesamt ging die Transfusion über eine Stunde und ich war total Platt! Aber zumindest bekam ich diesmal ein Einzelzimmer und konnte mich zum ersten Mal seit ich in der Klinik war wirklich entspannen. Und ich wusste: es war die letzte, wir haben es bald geschafft!

Das Bild entstand nach der letzten Transfusion in der Klinik. Ich war einfach nur erleichtert, dass der Spuck endlich ein Ende nahm

Einleitung in der 38. Schwangerschaftswoche

Es war Samstag, 24. November, der Tag an dem ich bei 37+0 war. Der Professor in der Prenatalen hatte mich im Kreißsaal angemeldet und meine Überweisung vom Frauenarzt hatte ich in der prall gefüllten Kliniktasche. Ich hatte es geschafft, sie hatte es geschafft und war gesund und noch heute würde ich meine Maus in den armen halten. Viele hatten mich gewarnt, dass eine Einleitung nicht einfach war. Die einen brauchten lange, bei anderen waren es Sturzgeburten, aber ich war zuversichtlich, dass bei uns alles gut gehen würde. Ach wie optimistisch ich war!

Die Geburtsreife war noch nicht erlangt…

Nach einem ctg, Ultraschall und ein paar Besprechungen wurde ich ins Einleitungszimmer gebracht. Es war der schrecklichste Ort, den ich im ganzen Krankenhaus gesehen hatte. Vier Betten mit Frauen, die sehnsüchtig auf ihre Wehen warteten, ein rein und raus und Wechsel von Patientinnen.

In dem Zimmer bekam ich die erste Einleitung in Form einer Tablette. Diese hat erstmal kaum gewirkt, ich hatte leichte Wehen, die aber auszuhalten waren und recht schnell verflogen sind. Um 18 Uhr habe ich die zweite Tablette bekommen, die etwas stärker wirkte. Doch nach nur zwei Stunden stand die Hebamme, die mein ctg beobachtet hatte im Raum und meinte, wir sollten lieber in den Kreißsaal in OP Nähe gehen, da die Herztöne nicht gut wären. Ich hatte mittlerweile richtige wehen, aber mein körperlicher Zustand war unverändert:

Es passierte das beinahe schlimmste, wovor ich gewarnt wurde. Meine Wehen waren nicht muttermundwirksam. Das beudetet, dass mein Körper sich völlig umsonst abmühte und die wehen überhaupt keinen Geburtsfortschritt erbracht haben, gerade mal 2 cm in 6 Stunden.

Da ich sowieso schon im Kreißsaal war, konnte ich mich dafür entscheiden, es mit einem Oxytycin Tropf zu versuchen. Wir waren ja mehr oder weniger in Zeitnot, da sonst noch eine Transfusion erfolgen würde. Ich war etwas am Tropf und musste dann fleißig Treppen steigen, um die Wehen an zu regen. Auch hier hat mein Körper gearbeitet und es war einfach kein Ergebnis da. Um 5 Uhr morgens am Sonntag haben wir den Tropf unterbrochen, damit ich schlafen konnte, mein Mann fuhr zunächst nach Hause um sich zu erholen. Während meines zweistündigen Schlafs nahm das ctg weiterhin Wehen auf, aber es passierte nichts besonderes. Nach dem Frühstück wurde ich wieder ins Einleitungszimmer gebracht.

Endlich kam es zur Geburt

Um 11 Uhr bekam ich nochmals eine Einleitung, diesmal in Form eines Gels. Diesmal hatte das Gefühl, die Schmerzen wären stärker, doch auch hier war das Ergebnis ziemlich ernüchternd. Ich wurde immer damit getröstet, dass es eben noch sehr früh war und weder mein Körper noch das Baby dafür bereit waren. Um 15 Uhr hatte ich endlich die magischen 3 cm erreicht und durfte in den Kreißsaal, wo gefühlt alles schnell ging. Kurze Zeit später platzte mein Fruchtblase und ich bekam Presswehen… Doch wir hatten ein Problem: Mein Muttermund hatte sich noch immer nicht verkürzt. Was in den nächsten Stunden passiert war, kann ich noch immer nicht aussprechen, da es mir sehr tief in den Knochen sitzt. Ich habe stundenlang gegen Presswehen kämpfen müssen, da ich ansonsten zu starke Verletzungen davongetragen hätte. Um kurz vor 19 Uhr musste die Hebamme zu einem Notfall und die Hebammenschülerin ging zur Toilette. Und in dem Moment wusste ich: ohoh sie kommt jetzt! Und da ging es mit nur drei Mal pressen endlich zu Ende und alle kamen gerade so rechtzeitig zurück.

Mir ging es nach zwei Stunden Schlaf in 48 h und einem harten Geburtsweg so beschissen wie nie, aber ich durfte endlich meine geliebte kleine Tochter im Arm halten.

Die Folgen der Anämie

Als Lea zur Welt kam, war sie zunächst nicht blutarm, hatte aber eine leichte Gelbsucht. Ich genoss es eigentlich, dass sie im Vergleich zur großen Schwester erstmal nicht auf die Intensiv musste, vom Billi Wert waren wir aber immer knapp dran. Nach zwei Tagen war der Billi aber plötzlich rückläufig… Erst auf 10, dann 7,dann sogar auf 2. Die Ärzte schimpfen, dass das nicht möglich sei, die Kinder würden es nie ohne Lampe schaffen, dass es zurück geht. Aber Lea beschloss, dass sie bei Mama bleiben und nicht in die Neo will 🙂

Am Mittwoch wurden wir entlassen, allerdings mit dem Vermerk, dass wir noch nicht über den Berg waren. Sie hatte noch so viel Fremdblut, dass ihre Blutgruppe nicht bestimmbar wäre. Das eigene Blut würde sie nach und nach bilden und dann würden die restlichen Antikörper sie angreifen, ich sollte immer regelmäßig zu Kontrollen gehen.

Wenige Tage später rief die Klinik an, dass der Stoffwechseltest schlecht ausgefallen sei. Wir mussten also bei der u2, die der Kinderarzt durchführte, diesen Test wiederholen und dann bei der u3 wieder.

Anfang Januar hatte ich diese Probleme schon fast verdaut – bis wir bei der u3 den test wiederholen mussten. Dazu wurde den Babys ins Bein gestochen und das Blut auf einen Zettel getropft, der dann in ein spezielles Labor musste. Doch dann haben wir uns alle erschrocken, wie ihr Blut wie hellrotes Wasser auf das Papier Tropfte und ich wusste: die Anämie war wieder da! Der Kinderarzt nahm ihr direkt den hb ab, der bei ca 8 lag. Es war noch nicht kritisch, sie brauchte keine Transfusion, aber wir mussten darauf vorbereitet sein. Also kamen wir alle paar Tage zur Kontrolle. Langsam stieg der hb Tag für Tag an, erst auf 9, dann 9.8. Und auf einen Schlag, etwa mit 3 Monaten war er auf 13

Erst da wusste ich: wir haben es überstanden!

Ich möchte Dir Mut machen

Wie Du siehst, war unser Weg alles andere als einfach. Erst ein Frühchen und dann eine so komplizierte Schwangerschaft! Doch wenn Du wie ich damals Dir ein zweites Kind wünschst, möchte ich Dir Mut machen! Es gibt so viele medizinische Möglichkeiten! Wenn Du weißt, womit Du es zu tun hast, kannst Du handeln. Deinem Baby kann geholfen werden.

Eine dritte Schwangerschaft würde bei mir noch komplizierter verlaufen. Aber wenn eine Chance besteht, dass Du dein zweites Baby mit Rhesuskonflikten bekommen möchtest, melde dich bei einer Prenatalen Klinik und traue Dich! Es hat sich gelohnt!

16 Antworten auf „Wie unsere fetale Anämie ausging – vom schwierigen Happy End“

  1. Wow, meinen größten Respekt dass du bzw ihr das so gut durchgestanden habt und nun auch alles gut ist. Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns teilst, sie ist ja doch schon sehr persönlich.

  2. Oh Wioleta, ganz ehrlich, Respekt was du so durch gestanden hast. Für mich wäre das der Horror schlechthin gewesen. Schon allein auf Grund der ganzen Nadeln und dann die Sorge um das Kind. Furchtbar.
    Um so mehr freue ich mich, dass es bei euch gut ausgegangen ist. Danke, dass du hier so offene Aufklärung betreibst.

    Liebe Grüße,
    Mo

  3. Wow danke für deine Offenheit und Stärke, so ein ernstes Thema mit uns zu teilen. Ich habe ehrlich gesagt noch nie zuvor davon gehört und das liegt bestimmt nicht einfach nur daran, dass ich selber noch keine Kinder habe. Ich finde es sollte bei der Aufklärung auch dazugehören über Probleme in der Schwangerschaft oder den Komplikationen bei der Geburt etc. zu sprechen..

  4. Danke dafür dass du uns deine Geschichte erzählst. Du bist sehr mutig dass du so etwas persönliches postest, mein größtes Lob hast du. ♡
    Es freut mich für euch dass am ende doch alles gut geklappt habt. Ich wünsche dir und deinen Kindern alles gute.
    Lg:*

  5. Ich wünsche dir natürlich für deine nächste Geburt alles Gute. Heutzutage ist die Technik schon so weit, dass Mutter und Kind geholfen wird. Wünsche dir alles gute .
    Bei mir ist vor 35 Jahren alles gut gelaufen.
    Liebe Grüße Katrin

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