Wasser ist manchmal dicker als Blut – über zerfallene Familien und verpasste Chancen

Ich habe in meinem Leben sehr oft das Gefühl, dass uns nichts in die Hände fällt. Wir sind definitiv Menschen, die um alles hart kämpfen müssen und sich alles erarbeiten. Es gibt nichts geschenkt – nicht einmal Menschen, die uns schätzen. Während ich viele Freunde habe, den Familie das wichtigste ist und die von allen Seiten Unterstützung und Liebe bekommen, sehe ich bei uns oft, dass es immer nur Stress und Probleme gibt. Bis Freitag habe ich diesen Umstand einfach so hingenommen. Doch als ich am Freitag abend auf mein Handy schaute, erschütterte es mein Leben und hat sehr viele Gedanken in mir zum Laufen gebracht. Nichts ist mehr, wie ich es mir zurecht gelegt hatte und es Jahre lang so akzeptierte. Denn am Freitag habe ich erfahren, dass meine Oma väterlicherseits im Sterben liegt. Das war auch der ganze Inhalt dieser Nachricht von meiner Tante. Dass sie bereits im September einen Hirnschlag erlitten hat, erfuhr ich erst, nachdem ich sie mit Fragen gebohrt habe. Ich war eine kurze Zeit wütend und habe meiner Familie Vorwürfe gemacht, dass mir nie jemand etwas erzählt hat. Aber mittlerweile weiß ich, diese Chance habe ich mir selbst für immer verspielt…

Scheidungen und ferne Länder

Dass ich kein Familienmensch bin, wurde mir wahrscheinlich in die Wiege gelegt. Ich erinnere mich gar nicht genau, wann meine Eltern sich getrennt haben. Da ich aber noch eine Schwester habe, wird es wahrschienlich so in meinem 5. Lebensjahr der Fall gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt haben wir noch in Polen gelebt, meine Tante, die sich nun bei mir gemeldet hat, zog mit ihrem Mann und ihren Kindern in die USA und organisierte meinem Vater einen Job. Ich weiß nicht, ob es vor oder nach der Trennung war, aber etwa in dem Zeitraum flog er für mehrere Monate zu ihr. Ich erinnere mich nicht daran, dass er zuhause war oder was wir wann mit ihm gemacht haben, daher weiß ich nicht, wie lange er tatsächlich bei uns lebte. Was ich aber noch weiß und zum Teil besitze, sind Spielsachen, die wir von ihm aus den USA bekommen haben. Denn in Polen gab es vieles davon gar nicht. Irgendwann zog dann auch sein Bruder nach Schweden und wir wanderten nach Deutschland aus. Irgendwie war also meine ganze Familie auf der Welt zerstreut, was uns den Kontakt immer erschwert hat. Wir waren damals noch regelmäßig in Polen und haben meine Omas und zuerst noch meinen Vater besucht…

Das fehlende Zwischenglied

Als ich 12 war, hatte ich meinen Vater bereits 3 Jahre nicht mehr gesehen und auch nicht mehr wirklich etwas von ihm gehört. Ich erinnere mich noch, wie ich im Mai zu seinem Geburtstag versucht habe, dort anzurufen und meine Oma sagte, er sei nicht da. Zwei Wochen später erfuhr ich, dass er sich das Leben genommen hatte. Ich habe diesen Verlust viele Jahre nicht verarbeiten können – andererseits war es kein Verlust, weil er als Vater eben auch nicht da war und sich gar nicht bemühte, den Kontakt zu halten. Dass aber das Band zu seiner restlichen Familie Stück für Stück abgebrochen ist, nachdem er nicht mehr da war, war irgendwie klar… Zwar versuchten seine Geschwister immer wieder sich bei uns zu melden, sendeten kleine Geschenke und Karten, aber aus den USA und aus Schweden war das auch nicht immer selbstverständlich und ich war in einem schwierigen Alter und in einer komplizierten Phase. Andererseits hat uns auch keiner wirklich ehrlich eingeladen und mal zu sich geholt. Als ich 18 war, ließen die Kontaktversuche immer mehr nach.

Das letzte Wiedersehen

Vor zweiundhalb Jahren bekam ich etwas Heimweh nach Polen. Ich war damals mehrere Jahre nicht mehr dort gewesen, wollte meinen Omas ihre Urenkelin vorstellen und einfach die Orte wieder sehen, die mir mal so viel bedeutet haben. Zu meiner Oma mütterlicherseits hatte ich immer viel Kontakt und ein sehr gutes Verhältnis. Diese Frau hat mich quasi groß gezogen und ist auch jetzt ein sehr wichtiger Mensch für mich. Dass meine Oma väterlicherseits sich über meinen Besuch gefreut hat, hat mich überrascht. Zu dem Zeitpunkt habe ich sie sicher 10 Jahre nicht mehr gesehen. Der Besuch bei ihr war auch irgendwie kühl. Zwar haben wir viel geredet und auch mein Onkel aus Polen war zu dem Zeitpunkt dort, doch es war eher wie ein Besuch bei Bekannten als bei der Familie und wir waren eben gedultet. Wenige Monate vorher hat mein Onkel eine Tochter bekommen, die ich bis heute nie kennen gelernt habe. Nach unserer Abreise haben wir nichts mehr von ihnen gehört und umgekehrt haben wir uns auch nicht mehr gemeldet. Und das werde ich auch nie mehr können…

Die letzte verpasste Chance…

Wie schon erwähnt habe ich am Freitag vom Zustand meiner Oma erfahren. Einerseits habe ich eine ganz trübe Stimmung. Immer wieder wiederhole ich die Worte in meinem Kopf “meine Oma liegt im Sterben”. Aber so wirklich zu mir durchdringen können die Worte nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es mich weniger getroffen hätte, wenn ich eine Geschichte gelesen hätte und irgendjemand sterben würde. Vielleicht kommt die Erkenntnis noch, wenn es soweit wäre. Ich kann mein Innenleben weder sortieren noch verstehen. Da ist diese Wut, dass ich nichts wusste. Hätte ich noch mit ihr sprechen können? Wäre ich im September nach Polen gereist, um sie zu sehen? In welcher Verfassung war sie damals? Wie lange ist sie nicht mehr ansprechbar? Fragen über Fragen laufen in meinem Kopf rauf und runter. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, jetzt zu fahren. Alleine traue ich mir diese Strecke von 1700 km nicht zu. Fliegen kommt mit Lea nicht infrage. Also sitze ich wie versteinert hiert und warte auf die Nachricht, dass es vorbei ist.

Ich habe das Bedürfnis, mit meiner Tante zu sprechen. Aber worüber? Was soll ich ihr sagen? Für Entschuldigungen ist es nun zu spät. Meine Oma wird mit dem Gedanken sterben, dass sie ihren Enkeln nicht wichtig war. Kann sie überhaupt noch denken? Oder hängt sie wie ein Stück Fleisch seit Monaten an Geräten? Ich werde es nie erfahren. Und ich werde ihr nie sagen können, dass es mir leid tut. Die Geschichte wiederholt sich, sie geht wie mein Vater von uns und ich kann ihr das alles niemals mehr erzählen.

Meine Wurzeln reißen nun

Da auch meine andere Oma sehr krank ist, gehe ich seit Freitag davon aus, dass es dieses Jahr mit beiden vorbei sein könnte. Dann sind meine Wurzeln gerissen. Dann habe ich keinen Bezug mehr dazu, wo ich herkomme und werde dort auch wahrscheinlich nie mehr zurück kehren. Einerseits tut es weh, andererseits schließt sich nur eine Tür, die sowieso am zufallen war…

Wieso ich euch das erzähle?

Zum Einen musste das alles raus. Vielleicht schwebt sie wie ein Geist durch die Welt und hört meine Gedanken, die ich nun zum ersten Mal halbwegs sortiert habe. Vielleicht ist es wie ein Brief ans Universum?

Zum anderen möchte ich Dich aber daran erinnern, dass auch Du eine Familie hast. Vielleicht seid ihr zerstritten. Vielleicht habt ihr euch aus den Augen verloren. Und vielleicht verpasst auch Du die Chance und sie wird dir für immer entgleisen. Aber ganz vielleicht beginnt auch bei Dir nun ein Gedankenkarussel. Möglichweiweise habe ich nun erreicht, dass Du Dein Telefon in die Hand nimmst und eine Person anrufst und Dich einfach mal erkundigst, wie es ihr geht. Weil Du nicht denselben Fehler machst und alles für selbstverständlich hälst.

11 Antworten auf „Wasser ist manchmal dicker als Blut – über zerfallene Familien und verpasste Chancen“

  1. Liebe Wioleta,

    ich kann Dich sehr gut verstehen! Einerseits ist es Familie, anderseits seid Ihr Euch fremd geworden.
    Ich denke, es ist gut, dass Du das alles hier aufgeschrieben hast. So etwas hilft!
    Ich muss sagen, dass ich eigentlich nur noch meine Mutter habe. Alle anderen Familienmitglieder sind entweder tot, oder aber ich habe auch seit langer Zeit keinen Kontakt mehr zu ihnen. Allerdings sind das in meinem Fall nur Tanten oder Cousins, mit denen ich nie viel zu tun hatte.
    Aber Dein Beitrag regt schon zum nachdenken an…

    Viele liebe Grüße,

    Tabea
    von tabsstyle.com

  2. Das mit deiner Omi tut mir leid, vor allem dass du keine Gelegenheit hast dich von ihr zu verabschieden. Wobei mich 1.700km von meiner nicht trennen könnten. Meine Omi ist wie meine Mutter für mich … für sie würde ich einfach auch alles tun und das habe ich bisher auch gemacht. Ansonsten habe ich leider keine Familie – meine Familie hat mit mir gebrochen und interessiert sich weder für meine Kinder noch für mich … noch nie! Irgendwann werden sie bereuen was sie mir und den Kindern angetan haben und antun … aber dann ist es zu spät!

    Vielleicht kannst du dich ja doch noch von deiner Omi verabschieden? Alles Gute!
    glg
    Verena

    1. Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Eigentlich ist die Entfernung auch für mich keine so große… Für mein High Need Baby hingegen sehr! Deshalb wäre ich, wenn ich es vor der Geburt der kleinen gewusst hätte, definitiv gefahren, jetzt stellt es aber eine unüberwindbare Hürde dar…

  3. Liebe Wioleta,

    am liebsten würde ich dich in den Arm nehmen. Kann deine Gefühle und deine Situation ein wenig nachvollziehen. Auch in meiner Familie gab Entfremdung, nicht so extrem wie bei dir, aber sie war dennoch präsent.
    Gut ist, dass du das Ganze raus lässt und dich, auch wenn es schmerzt, damit befasst.
    Das mit deiner Oma tut mir von Herzen leid, aber bedenke, nichts im Leben ist eine Einbahnstraße. Zu diesem Gesamtbild gehören mehrere Personen und manchmal schafft der Tod ein umdenken bei allen.
    Ich wünsche dir alles Liebe für die Zukunft .

    Wärmende Grüße,
    Mo

    1. Vielen Dank liebe Mo! Ja im Laufe dieser Woche sind mir viele neue Facetten meiner Familie aufgefallen. Einerseits bin ich immer noch wütend und enttäuscht und noch eine Woche später warte ich auf Informationen, andererseits schließe ich mit diesem Thema langsam ab. In schlechten Zeiten zeigen Menschen ihr wahres Gesicht. Leider ist das meiner Familie ein anderes als meins

  4. Ich finde es gut, dass du dir mal Luft gemacht hast. Es ist schon traurig, wenn man die Wurzeln komplett verloren hat, aber wie du schon sagst: Wasser ist manchmal dicker als Blut! Das mit deiner Oma tut mir leid und ich wünsche dir viel Kraft für diese Zeit.

    1. Vielen Dank liebe Tina! Leider gibt es das in immer mehr Familien, dass die Wege sich trennen. Da hatte die Familie früher einfach einen höhere Wert

  5. Das tut mir wahnsinnig leid. Manchmal führt genau so eine Erfahrung dazu, dass sich etwas ändert. Vielleicht fährst du doch nochmal nach Polen, besuchst Verwandte und ihr erfreut euch an den kleinen Kindern, die nun schon geboren sind, und die eure Wurzeln doch irgendwie weitertragen. Aber wie es auch werden mag, ich wünsche dir viel Kraft. Es tut mir leid, dass du deine Oma verlieren wirst. Das ist sehr traurig.

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