Der Tag an dem mir bewusst wurde, dass ich mich für meine Familie entschied

Eines tages began ich jeden Morgen augzuwachen mit dem Wissen, dass ich es nicht mehr schaffe aufzustehen. Dieser Morgen kam nicht plötzlich, eher schleichend. Die Stimme, die nicht mehr konnte, wurde immer lauter in meinem Kopf und ich war zu erschöpft, diese abzuwehren. Ich war müde meines Jobs, ich war irgendwie müde meines Lebens. Und dennoch machte ich immer und immer weiter.

Ich stand jeden Morgen auf, stritt mich mit meiner Tochter, um sie püktlich in den Kindergarten zu bringen und zu einer annehmbaren Zeit im Büro zu sein. Jeden Morgen brach bei uns die Welt auseinander, da wir einfach nicht mit diesem Druck umgehen konnten. Irgendwie passte nichts mehr und Mia und ich brauchten eine Auszeit, eine bahnbrechende Veränderung, um uns alles wieder schmackhaft zu machen und uns wieder zueinander zu bringen. Vor allem die Sache mit der Pünktlichkeit hat uns immer sehr belastet, da sie vor allem morgens vor dem Kindergarten mich nochmal gebraucht hat und ich vom Weckerklingeln an aber immer schon gedanktlich weg war.

Ich arbeite zwar vollzeit, doch meine Zeit die mir zur Verfügung steht, scheint einfach nicht auszureichen. Ich könnte 24 Stunden durch arbeiten und hätte immer noch etwas zu tun. Nach 9 Stunden im Büro ist bei mir jedoch Schluss, denn auch die Vollzeitbetreuung endet irgendwann. Und so wurde diese Menge an Arbeit immer größer, der Haufen an Scherben immer schärfer und ich hatte schon Angst bei dem Gedanken, dass ich diese Aufgaben nicht mehr schaffe zu bezwingen. Weil ich diese Menge nicht mehr schaffe zu bezwingen. Und dennoch machte ich immer weiter und versuchte, immer irgendwas Gutes in dem Allen zu sehen. Doch irgendwann stellte sich mein Körper auf Mechanismus um und ich kam und ging, machte meine Sachen und stapelte den Rest. Ich hörte auf mir darüber gedanken zu machen und hörte auf Überstunden zu machen. Jeder Tag zog sich in die Länge, ich tat so viel und dennoch nichts.

Zuhause saß ich ersmal wie ein Zombie über meiner Kaffee Tasse und versuchte, aus diesem Loch, in das mein Job mich warf, zu kriechen. Ich brauchte noch zwei Stunden Kraft. Kraft zu kochen, Kraft zu essen, und vor allem Kraft, irgendwie für meine Tochter da zu sein, die mir so viel Liebe gibt und im Gegenzug so viel mehr Liebe braucht. Doch irgendwann war ich nicht mehr fähig ihr diese Liebe zu geben. Ich hoffte jeden Abend, dass sie bald im Bett sei und ich endlich nichts tun könnte. Einfach hinlegen, Glotze an, nichts sagen, nichts hören. Mich einfach nur berieseln lassen.

Auch am Wochenende hörten wir auf etwas zu unternehmen. Besuche bei Freunden wurden uns zur Last, ich wollte an meinen freien Tagen einfach nichts tun und nichts sehen. Jedes Treffen wurde zu einem Termin und jeder Termin somit zu einer weiteren Last.

Irgendwann ließ ich auch meinen Blog schleifen, denn ich hatte weder am abend noch an meinen freien Tagen die Kraft und Lust etwas zu schreiben. Mein Hobby wurde zur Last und noch eine Last konnte ich nicht ertragen. Auch wenn mich das Schreiben oft tröstete und ich vieles loswerden konnte, ich traute mich oft nicht, meine wahren Gedanken auf den Tisch zu legen. Also schreib ich etwas komplett andres, etwas hinter dem ich nicht zu 100 % stand.

Durchkreuzte Pläne retteten mich

Durch diese stressige Lebensweise musste ich immer viel Planen. Ich plante, welchen Ablauf unsere Morgenroutine hatte und alles musste auf die Sekunde passen. Ich plante meinen Tag, meinen Abend, meine Wochen. Und ich hatte unser weiteres familiäres Leben durchgeplant. Meine Therapeuting sagt immer, dass ich versuche, zu viele Dinge auf einmal zu klären und dass ich nicht alles immer planen und beeinflussen kann. Und dann gab es einen Durchbruch. Denn der Kindergartenwechsel erfolgte nicht erst im September. Im März bekam ich einen Anruf vom neuen Kindergarten, in einer Woche würde es schon losgehen. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht wie geplant schwanger und schon zuhause. Und ich merkte da richtig, dass ich nicht alles unter Kontrolle hatte. Denn dadurch, dass ich nun plötzlich keine Ganztagsbetreuung mehr hatte, hatte ich nichts mehr in der Hand. Ich musste mich darauf verlassen, dass Andere mein Leben im Griff hatten. Dass ich immer jemanden fand, der auf meine Tochter aufpasste – und ich begriff, dass ich als Mutter nicht für sie da bin. Und das zerstörte mich.

Die Lösung hätte ganz einfach sein können. Ich hätte wie andere Mitarbeiter auch einfach ab und zu Home Office machen können. Natürlich nur Nachmittags, wenn der Kindergarten vorbei war und natürlich nur wenige Tage. Aber so hätte ich die Situation in den Griff bekommen können. Doch dieser Vorschlag wurde nicht nur abgelehnt, die Situatio artete irgendwie aus. Die Abteilung begriff, dass eine junge Mutter nicht hineinpasst. Und ich begriff, dass ich nicht hinein passe.

Eines Morgens klingelte mein Wecker und ich begriff, dass ich nicht mehr arbeiten gehen kann. Dass mein Automechanismus zerstört ist, dass mein Vertrauen zerstört ist. Meine erste Lösung war erst einmal raus da. Jetzt bin ich erst mal bis Mai raus. Wer weiß ob ich wiederkommen will – und wer weiß, ob die wollen, dass ich wieder komme.

Die Zeit vergeht nun viel langsamer

Seit zwei Tagen bin ich nun daheim. Und es hat sich jetzt schon so viel verändert. Wir hetzen nicht mehr. Wir streiten nicht mehr. Wir sitzen einfach so da und machen Späße. Und es fühlt sich so gut an, endlich für diejenigen da sein zu können die mich wollen und brauchen, statt für die, die mich ausnehmen. Und wenn ich eines in diesen zwei Tagen gelernt habe ist es, dass nichts, kein Mensch, kein Beruf und kein Traum jemals mehr meiner Familie im Weg stehen wird.

7 Antworten auf „Der Tag an dem mir bewusst wurde, dass ich mich für meine Familie entschied“

  1. Ganz ehrlich, ich habe mich schon immer gefragt, wie das manche Mütter machen: Vollzeitjob, Kind(er) betüteln, Ehemann entertainen und dabei auch noch nach außen entspannt sein und gut aussehen… ich könnte das nicht!
    Oder ist da etwas, was man als Außenstehende dann nicht mitkriegt!? Und was sich dann eben so äußert wie von dir beschrieben!? Das scheint mir näher an der Realität zu sein als die nach außen perfekt erscheinenden working SuperMoms ^^
    Liebe Grüße
    Salvia von Liebstöckelschuh

    1. Liebe Anita,
      Erschreckend dass es so vielen anderen Müttern ebenfalls so geht. Ich hoffe dass mein Betrieb in dieser Zeit vielleicht über diese Missstände nachdenkt. Das wäre ein kleiner Schritt, aber zumindest einer vorwärts

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