So steigert Kampfsport das Selbstvertrauen bei Kindern

Hat Dein Kind Hobbys und besucht bereits einen Sportverein? Vor fast 1,5 Jahren habe ich meine Tochter zum Kickboxen angemeldet. Und in dieser Zeit ist mir aufgefallen, wie sehr sie sich verändert hat! Denn dieser Kampfsport tut ihr nicht nur körperlich gut – auch auf psychischer Ebene hat mein eher schüchternes Mädchen einen riesigen Fortschritt gemacht. In diesem Zug habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie und ob der Kampfsport sich auf sie ausgewirkt haben kann. Und von wem hätte ich hierzu bessere Informationen einholen können als von ihrem Trainer persönlich? Ich habe Waldemar Hergenreder für euch zum Interview eingeladen. Wir gehen dabei der Frage auf den Grund, wie und ob Kampfsport das Selbstvertrauen von Kindern stärkt. Dabei habe ich viele sehr interessante Einblicke in die Entstehung der Kampfschule bekommen und musste diese unbedingt mit euch teilen! Viel Freude beim Lesen 🙂

Mehr als nur eine Kampfschule

Im Jahr 2011 hatte Waldemar die Idee, Jugendliche im Kickboxen zu unterrichten. Also wandte er sich an unser Kinder- und Jugendzentrum (KiJuz), in dem die Jugendlichen oft „rumhängen“, um sich die Zeit zu vertreiben und wollte diesen eine Chance bieten, eine sinnvolle Beschäftigung auszuüben. Damals bot er das Ganze ehrenamtlich an, hatte zu dieser Zeit den Sport erst selbst wenige Jahre ausgeübt und hatte noch keinen Trainerschein. Ihm war es vor allem wichtig, Jugendliche aus einem Loch zu holen, in dem sie steckten.

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Erst 5 Jahre später, als das Projekt viele Anhänger gewonnen hatte, wurde der Verein Black Forest Martial Arts e.V. von den 7 Gründungsmitgliedern gegründet: Waldemar und Alex Hergenreder, Konstantin Pfeifer, Johann Heidt, Roman Kort, Alexander Lichtenwald und Sergej Schulz.

Mittlerweile werden das Kickboxen für Erwachsene und Kinder, MMA aber auch Yoga vom Sportverein angeboten. Zusammen in einem Team aus geschulten Trainern werden bei Black Forest Martial Arts diese Kampfsportarten trainiert. An den Wochenenden finden weitere Kurse zum Thema Gesundheit und Körpergefühl statt, wie die Rückenschule, welche von einem Diplom Sportlehrer für Prävention, Therapie und Rehabilitation und einer Physiotherapeutin angeboten wird. Ganz nach dem Motto „Der Körper folgt dem Geist“ ist es den Trainern vor allem wichtig, ein Gleichgewicht und die innere Mitte zu finden zwischen körperlicher Stärke und deren Bewusstsein.

Durch das Leitbild „Zusammen im Team alles erreichen“ bietet die Kampfschule den Teilnehmern vor allem eines: ein Team, das fast schon wie eine große Familie ist. Jedes Mitglied ist ein wichtiger Teil vom Ganzen. Und das ist es, was diese Sportschule so besonders macht.

Im Folgenden erzählt uns Waldemar, wie er zu dem Training von Kindern kam und wieso es ausgerechtnet der Kampfsport ist, welcher Kinder in ihrem Selbstvertrauen so festigt.

Kinder beim Kampfsport

Was hat Dich dazu bewogen, die Kampfschule zu eröffnen?

„Ich selbst hatte keine einfache Jugend. Mit 12 Jahren zog ich von Russland nach Deutschland und hatte große Probleme mit der Integration. Ich habe viele Jahre und einen verpatzten Schulabschluss gebraucht, bis mir die Augen aufgingen. Erst im Alter von 23 Jahren fing ich an, mein Leben umzudenken und neu zu formen, holte meinen Schulabschluss nach, machte meinen Führerschein. Achnschließend machte ich eine Ausbildung und ei Aufbaustudium. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass es viele Jugendliche da draußen gibt, die den Anschluss verloren haben. Das „abhängen“ vieler Jugendlicher heutzutage ist ein gefährlicher Trend, denn sie haben keine vernünftige Beschäftigung und lassen alles sausen. Ich wollte Jugendlichen, denen es genauso ergeht wie mir damals, helfen aus diesem Loch heraus zu kommen, sie zusammen zu bringen und ihnen etwas sinnvolles bieten.

Also ging ich auf den Betreiber unseres Jugendzentrums zu und bot an, dort ehrenamtlich Kickboxen zu unterrichten. Diesen Sport führte ich selbst seit ein paar Jahren leidenschaftlich aus und habe gehofft, die Jugendlichen mitziehen zu können. Von meiner Seite war das Ganze als soziales Projekt gedacht. Doch der Anfang war nicht leicht: wir hatten keinen richtigen Trainingsraum und keine Geldmittel, wir haben das alles aus dem Nichts auferstehen lassen. Und auch die Jugendlichen, welche im Juz „abhingen“ zeigten nicht das erwartete Interesse an diesem Kampfsport. Oft kam ich dort hin, schloss den Raum auf und saß alleine da. Und immer habe ich mich gefragt, für wen ich das Ganze denn eigentlich mache. Aber da war was, was mich von Innen her immer angetrieben hat, weiter zu machen. Statt der Jugendlichen aus dem KiJuz kamen Anhänger von Außerhalb, die von dem Training per Mundpropaganda erfahren haben.

Mit den Jahren kamen immer mehr Interessenten zusammen und gemeinsam mit einigen Freunden, die nun zum Vorstand gehören, haben wir den Verein Black Forest Martial Arts im Jahr 2016 auferstehen lassen.“

Seit wann trainierst Du mit Kindern?

„Erst nach der Gründung des Vereins haben wir eine kleine Gruppe mit Kindern eröffnet. Das war im Oktober 2016. Zunächst waren es nur die eigenen Kinder unserer Vorstandsmitglieder, doch nach und nach wurden es mehr. Mittlerweile unterrichten wir vier Gruppen mit Kindern und Jugendlichen.“

Welche unterschiedlichen Charaktere kommen dabei zusammen?

„Die Kinder, die zum Kickboxen kommen, sind vom Charakter her völlig unterschiedlich. Einerseits gibt es die, die bereits viel Selbstbewusstsein haben, manchmal sogar zu viel. Diese Kinder bringen uns oft keinen Respekt entgegen, wir Trainer müssen dann eine gewisse Elternrolle übernehmen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch Kinder da, die sehr schüchtern sind. Manche von ihnen wollen zunächst nicht einmal zum Probetraining auf die Matte kommen, brauchen mehrere Schnuppertermine, bis sie sich trauen, dem Team beizutreten. Hier spielt aber auch das Problem eine Rolle, dass die Kinder, die bereits da sind, ein gefestigtes Team sind, die stark zusammen halten. Manche neue Kinder trauen sich nicht, weil sie zunächst das Gefühl haben, nicht dazu zu gehören. Doch die Gruppen sind glücklicherweise sehr freundlich und offen und so findet jeder schnell seinen Anschluss.

Manchmal wachsen mir die Kinder, die etwas offener und lebendiger sind, über die Ohren. Und oft frage ich mich, ob mir überhaupt einer zuhört. Aber dann denke ich mir, das sind eben Kinder. Jedes Kind ist einzigartig und braucht seinen Freiraum, um sich zu entfalten. Deshalb versuchen wir Trainer oft, sie machen zu lassen, sich auszutoben. Es ist schwierig, die Balance zu finden zwischen Disziplin, die im Kampfsport eigentlich eine große Rolle spielt und dem Spaßfaktor, den wir den Kindern auf jeden Fall bieten möchten.

Oft kommen Kinder ins Kickboxen, um sich nach einem geregelten Alltag auszutoben, der Energie freien Raum zu lassen. Es ist uns wichtig, ihnen diesen Freiraum zu bieten. Schließlich sind wir keine Bundeswehr.“

Wie motiviert ihr die Kinder, dabei zu bleiben?

Zunächst ist es natürlich so, dass die Kinder bei uns eine Beschäftigung haben, etwas erleben, unter andere Kinder kommen. So steht ein großer Spaßfaktor dahinter. Außerdem ist der Zusammenhalt in den Gruppen sehr hoch, was wir Erwachsenen den Kindern durch unser Team immer vorleben. Ich denke, bei uns fühlt man sich einfach wohl.

Wir versuchen immer, das Training vielseitig zu gestalten. Wir bringen den Kindern verschiedene Techniken bei, spielen mit denen aber auch verschiedene Spiele, bei den sie ihr Können im Team unter Beweis stellen können. Hier macht es die Abwechslung. Außerdem haben die Kinder dadurch im Training die nötige physische Auslastung.

Durch die Gürtelprüfungen, die wir zwei Mal im Jahr mit den Kindern machen, haben sie zusätzlich ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können. Solche kleinen Ziele halten die Motivation oft aufrecht.“

Meine Tochter mit ihren Trainern nach erfolgreicher Gürtelprüfung; 2. Weißgurt

Kampfsport hat noch immer das Vorurteil, Kinder agressiv zu machen und für Schlägereien verantwortlich zu sein. Wie geht ihr damit um?

„Ich finde, das ist völlig falsches Denken. Natürlich kann es vorkommen, dass ein Kind, welches von sich aus ein Schlägertyp ist, in den Kampfsport kommt. Dazu neigte dieses Kind aber meist schon vorher. Aber es ist nicht so, dass aus Ausüben von Kampfsportarten diese Agression schürt.

Ich sehe es im Gegenteil eher so, dass Kampfsport die Kinder davon abhält, sich in Schlägereien zu verwickeln oder gar diese anzuzetteln. Zum einen lernen die Kinder, ihre Kraft zu kontrollieren und diese aber auch zu spüren. Besonders durch die Sparings (Zweierkämpfe) merken sie schnell, dass so ein Schlag sehr weh tun kann und setzen diese Kraft nicht unbedacht ein. Darüber hinaus kommt es vor, dass allein das Ausüben einer Kampfsportart den Kindern eine Art Respekt verschafft. Die anderen, groben Kinder trauen sich seltener, diese einfach zu hauen, weil sie erwarten, dass da mehr zurück kommen kann.

Und natürlich ist es auch so, dass die Kinder durch unser Training ausgepowert und ausgeglichen sind. Sie suchen diesen Ausgleich nicht auf der Straße, wo sich andere profilieren müssen.“

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Der Mehrwert des Kampfsports

Welche Werte werden beim Kampfsport vermittelt, die Kinder in ihren Alltag einbeziehen können?

„Ganz hoch oben steht hier natürlich die Teamfähigkeit. Die Kinder müssen oft gemeinsam im Team Aufgaben lösen und so Verantwortung für den Erfolg aller zusammen übernehmen. Ein Kind, welches sich nicht anstrengt, lernt schnell von der Enttäuschung anderer, die auf ihn gezählt haben.

Durch die Selbstpräsentation vor den anderen Kindern, zum Beispiel im Sparing oder im Sitzkreis, erlangen die Kinder mehr Selbstbewusstsein. Außerdem werden sie selbstsicherer duch das Wissen, dass sie Etwas (das Kickboxen) gut können und für das Team wichtig sind.

Auf der anderen Seite lernen die Kinder Aufmerksamkeit. Sie müssen aufpassen, wenn wir Trainer die Techniken vorzeigen und sie sie anschließend richtig ausführen sollen. Dabei schauen sie nicht nur uns Trainern zu, sondern sich auch gegenseitig und dürfen sich dabei nicht stören.“

Beobachtet ihr oft Veränderungen am Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen?

„Anfangs sind die Kinder eher zurückhaltend, da sie einerseits mit dem Team noch nicht vertraut sind und andererseits mit der Sportart noch nicht viel anfangen können. Schon in den ersten Wochen sehen wir Fortschritte, da die Kinder ihren Platz in der Gruppe gefunden haben. Meiner Meinung nach haben wir ein Team, in dem sich die Kinder untereinander gut verstehen und in dem man als „Neuling“ auch aufgefangen wird.“

Macht Kampfsport und Selbstverteidigung wirklich „stark“?

„Das Stark-Sein“ beginnt meist schon damit, dass die Kinder ihr Black Forest T-Shirt erhalten. Ich habe schon oft von den Kindern gehört, dass sie bereits, wenn sie das erste Mal ihr T-Shirt tragen, sich viel stärker fühlen. Deshalb ziehen sie es auch gerne zur Schule an, um mehr Selbstbewusstsein zu haben und sich stärker zu fühlen.

Generell trägt der Kampfsport dazu bei, dass die Kinder aktive Trainingsübungen durchführen und somit eine bessere Kondition haben, die gesamte Körpermuskulatur gestärkt wird und das spiegelt sich auch in anderen Sportarten wieder. Einige Kinder haben berichtet, dass sie sich in der Schule bei den Bundesjungendspielen viel sicherer gefühlt haben und bessere Ergebnisse erzielen konnten.

Kampfsport macht außerdem mental stark. Bei manchen Kindern, die sich zunächst sehr gescheut haben und Angst hatten, mit jemandem zu kämpfen, sieht man ein Jahr später eine große Entwicklung. Sie zeigen einen großen Willen, obwohl sie Schläge von den „größeren“ Kindern abbekommen. Sie geben dann nicht auf, sondern gehen trotzdem nach Vorne und boxen sich wortwörtlich durch. Ich bin sehr davon überzeugt, dass dieses Verhalten sich auf das gesamte Leben auswirkt. Man sieht eine gewisse Parallele, dass man sich beim Sport durchbeißt, versucht besser zu werden und alles zu geben. Und auch im Alltag fällt dies einem dann leichter.“

Übt Dein Kind ebenfalls Sport aus? Wäre Kampfsport etwas für euch? Oder seid ihr bereits sogar dabei? Und wie ist das SelbstErzähle mir davon in den Kommentaren 🙂

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17 Antworten auf „So steigert Kampfsport das Selbstvertrauen bei Kindern“

  1. Hallo, ich glaube auch, dass das sehr gesund ist! Besonders für schüchterne Kinder, zu dicke Kinder oder zu schmächtige. Sie gewinnen an Kraft und Selbstvertrauen. Auf jeden Fall sollte man mal einen Probekurs belegen und schauen, ob es dem Kind Spaß macht. Das wäre in meiner Kindheit sicher auch sinnvoll gewesen. Damals war das aber noch nicht so verbreitet.

  2. Ein unglaublich wichtiges Thema. Ich finde es toll, dass es solche Möglichkeiten für Kinder gibt. Mein Sohnemann hatte daran allerdings auch nie Interesse. Schade eigentlich.
    Viele Grüße
    Sandra

  3. Ein toller Artikel und eine wertvolle Arbeit, die dein Interviewpartner macht. Ich habe auch mal für kurze Zeit einen solchen Kurs besucht, als ich Kind war. Es hätte mir sicher gut getan, dieses Hobby beizuhalten.

  4. Ich mache selber Taekwondo und finde es klasse, wenn Eltern ihre Kinder zum Kampfsport schicken. Das ist ja nicht nur ein Sport, sondern eine Lebenseinstellung. Niemals aufgeben, immer wieder aufstehen, hart kämpfen und sich durchbeißen. Hätte ich eigene Kinder, würde ich sie schnellstmöglich zum Kampfsport anmelden.

  5. Ich kann deinen Artikel 1:1 unterschreiben. Ich habe früher als Kind Karate gelernt und trainiert und wenn ich später, auch heute noch, beispielsweise nachts unterwegs bin, rufe ich mir gewisse Griffe ins Gedächtnis und fühle mich direkt viel sicherer.

  6. Liebe Wioleta,
    ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass Kampfsport Kindern zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen kann. Das Teammotto trägt dann das seine dazu bei. Ganz nebenbei, das Bild mit rosa Boxhandschuh und Barbie ist richtig stark!
    Alles Liebe
    Annette

  7. Ich kann dir da nur zustimmen… als Kind wollte ich auch immer total gerne Kickboxen. Leider gab es bei uns im Dorf noch kein richtiges Angebot für Kinder.
    Allerdings habe ich seit ich Klein bin immer an einzelnen Selbstverteidungungskursen teilgenommen, wo eine Mischung aus unterschiedlichen Kampkunst-Richtungen gezeigt wurde, dass war echt toll und hat viel mit mir gemacht.

    Wenn ich mal Kinder hab, sollen die es unbedingt auch ausprobieren.

    Liebst, Elisa

  8. Ich habe als Kind mal Karate gemacht und fand es toll! Stimme dir zu, Kampfsport ist super für Kinder und macht sie auch mental stark. Mal sehen ob meine Tochter das auch mal machen wird.

    Liebe Grüße,
    Diana

  9. Ich persönlich mag den Begriff Kampfkunst deutlich lieber, der Sinn aber ist derselbe.
    Ein Freund ist Trainer eines solchen Vereins und ich finde es großartig, wie die Entwicklung der Kinder so gefördert wird.
    Viele Grüße, Katja

  10. Ich würde mein Mädchen auch gerne im Verein allgemein anmelden. Leider zeigt sie kein Interesse an irgendetwas. Ich setze jetzt auf die Schulzeit und hoffe, dass sie sich von den anderen anstecken lässt.

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