Ist die traditionelle Familie nicht mehr „im Trend“?

„Was Dir nicht gefällt, mach neu“ scheint das Motto der heutigen Gesellschaft zu sein. Immerhin werden wir alle auf Konsum getrimmt, es gibt immer Innovationen, Erfindungen, Techniken. Alles scheint sich zu entwickeln und drauf aus zu sein, dass Menschen investieren. Und immer mehr ist mir in letzter Zeit bewusst geworden, dass auch zwischenmenschliche Beziehungen und Familien zu einem Wegwerfprodukt geworden sind, an den die Wirtschaft großes Geld verdient. Doch ist eine traditionelle Familie, wie wir sie kennen wirklich „out“? Und wie schwer haben es Familien in der heutigen Zeit? Dem allem bin ich heute auf den Grund gegangen.

Es gibt sehr viele Arten von Familien: verheiratete Paare, kinderlose Paare, Patchwork Familien, gleichgeschlechtige Paare, alleinerziehende Mütter oder seltener Väter. Schön, denn immerhin leben wir in einer toleranten und bunten Welt! Doch immer mehr habe ich das Gefühl, dass traditionelle Familien im Schussfeuer stehen. Es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder mit Vater und Mutter leben und Paare zusammen bleiben. Und immer mehr bekomme ich den Eindruck, dass das Ganze von vielen Seiten angeheizt wird.

Der langweilige Ruf der Beziehungen

Dem ganzen kommt hinzu, dass wir in einer Vorzeigewelt leben. Wir möchten anderen Menschen beweisen, dass unser Leben ganz und gar nicht langweilig ist. Auf den sozialen Medien ist schon lange ein Wettstreit ausgebrochen, wer das schönere Leben hat, mehr erlebt und toller ist als alle anderen. Während uns immer vermittelt wird, wie eine neue Liebe die Schmetterlinge in unserem Bauch tanzen lässt und was diese Menschen alles zusammen erleben, haben langjährige Beziehungen einen ganz anderen Ruf. Denn deren Bild ist immer das von zwei vor dem Fernseher sitzenden Menschen, die kein Wort miteinander sprechen. Und das passt ganz und gar nicht in das Bild des modernen Lebens!

Doch was sollen wir tun? Unsere langweilige Beziehung wegwerfen, neue Abenteuer eigehen? Immer und immer wieder von Vorne anfangen? Ist es wirklich das, was die Umgebung uns vermitteln will?

Die Pärchen verschwinden von der Bildfläche

Auffällig ist, während früher alle damit geprahlt haben, in einer Beziehung zu sein, verschwinden solche Beiträge zunehmend. Wir sehen immer mehr glückliche ü30 Singels, Mamas, die ihren Alltag alleine mit den Kids hinbekommen. Versteht mich nicht falsch, ich finde wirklich, dass es eine große Leistung ist! Aber ist das wirklich erstrebenswert? Habe ich mit meinem Partner Kinder bekommen, um sie am Ende alleine großziehen zu wollen?

Allein am Beispiel des Valentinstags sieht man die Auswirkungen. Früher war der Tag den Paaren gewidmet. Menschen haben den Tag dafür genutzt, um sich einmal bewusst füreinander Zeit zu nehmen, aus zu gehen, eine kleine Geste an die Liebe zu machen. Heute ist alles „ein Trick der Industrie“ oder „Geldmacherei“. Es schickt sich nicht mehr, an diesem Tag der Welt zu zeigen, dass man füreinander da ist.

Es ist lange nicht mehr selbstverständlich zusammen zu bleiben…

… und natürlich ist es auch viel einfacher als früher, sich zu trennen. Vor einigen Jahren noch bestanden einige Beziehungen nicht mehr aus Liebe. Die Menschen hatten aus finanzieller und gesellschaftlicher Ansicht einfach keine andere Wahl, als zusammen zu bleiben. Dadurch, dass nun neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen, werden Beziehungen aber viel früher abgebrochen. Mir scheint es oft, als sei eine gescheiterte Beziehung selbstverständlicher als eine, die Bestand hat. Und so muss man sich schon mal vor Ämtern und Einrichtungen rechtfertigen, dass tatsächlich beide Kinder von einem Mann stammen und dass man auch wirklich mit dem Kindsvater zusammen lebt. Und genau dieser Punkt ist es, der mich so nachdenklich gemacht hat. Es sollte nicht selbstverständlich sein, getrennt zu leben.

Andererseits bin ich selbst auch ein Scheidungskind. Vielleicht eilt mir aus diesem Grund der Ruf voraus, dass auch meine Beziehung nicht funktionieren darf. Oft schon hatte ich das Gefühl, dass Menschen darauf lauern, dass man sich trennt. Dass die kleinsten Anzeichen von „die haben etwas nicht zusammen unternommen“ bereits gewertet werden. Auch umgekehrt erwische ich mich dabei, mich zu fragen „sind xy eigentlich noch zusammen?“.

Wer Hilfe ersucht, dem wird geholfen?

Und doch ist es so, dass Familien Probleme haben. Wir sind einem sehr hohen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt. Frauen sind im Gegenzug zu früher dazu verpflichtet, zu arbeiten, da sonst das Geld nicht reicht und wir möchten uns auch verwirklichen und nicht unter dem Pantoffel leben. Andererseits sind die Rollen nicht mehr klar verteilt, wir haben Anforderungen an unseren Partner, die derjenige vielleicht gar nicht erfüllen kann. An diesem Punkt scheitern in meinen Augen viele Beziehungen. Denn wer Hilfe ersucht, der wird sie auch irgendwo finden. Nur schenit mir die Hilfe, die angeboten wird, eine ganz falsche zu sein. Es macht sogar den Anschein, als würden viele Paare zur Trennung gedrängt werden, anstatt zu sagen „ihr schafft das, probiert dies oder das doch mal aus“. Das Netz an Familienhilfe muss insofern ausgearbeitet werden, anstatt diese zu zerreißen. Flucht ist nicht die Lösung. Doch gesagt wird einem nur, manchmal sei es besser, man würde sich trennen.

Kinder brauchen Verlässlichkeit

An den vielen Trennungen leiden nicht nur wir Eltern. Was wir oft vergessen, sind die Kinder. Wir reißen sie aus ihrer vertrauten Umgebung, muten ihnen neues zu. Sie müssen mitziehen, was haben sie denn für eine Wahl?

Da gibt es psychologische Hilfen für Kinder, die getrennte Eltern haben. Alleinerziehende werden unterstützt. Alles schön und gut. Aber wieso sieht keiner, dass die Kinder all das vielleicht gar nicht wollen? Dass die Kinder am Abend sich einfach mit Mama und Papa gemeinsam an einen Tisch setzen wollen? Das bedeutet nicht, dass wir wegen der Kinder zusammen bleiben müssen, wo keine Liebe mehr ist. Sondern dass wir uns bemühen sollten, diese nicht erlöschen zu lassen.

14 Antworten auf „Ist die traditionelle Familie nicht mehr „im Trend“?“

  1. Du sprichst mir aus der Seele, ich habe auch oft das Gefühl, dass alles nur auf Konsum ausgerichtet ist und weniger auf wahre Freundschaft und Ehrlichkeit. Was nützen mir die tollsten Produkte, schönsten Klamotten und Schuhe, wenn der Rest doch nur oberflächlich ist. Ich möchte so nicht leben, für mich sind mein Mann und meine Kinder das Wichtigste und Offenheit und Ehrlichkeit stehen an erster Stelle. Auch über negatives darf gesprochen werden und gemeinsam findet man eine Lösung. Dafür steht für mich Familie. Was nützen meinen Kindern die neusten Handys (außer vielleicht in der Schule von anderen oberflächlich mehr Beachtung zu bekommen), wenn ich keine Lust und Zeit für sie habe. Wir sind jetzt 23 Jahre verheiratet und glücklich und wir können über alles reden. Viele rennen viel zu schnell auseinander und suchen am anderen Ende die grüneren Bäume und den blaueren Himmel, doch im Alltag wird auch das sich wieder entfärben.

    Mein Tipp, hört einander zu, vertraut einander und geht gemeinsame Wege ohne einzuengen.

    Liebe Grüße
    Manja

  2. Also ich könnte gar nicht ohne meine Familie 🙂 Obwohl meine Kinder schon erwachsen sind, waren wir dieses Jahr im gemeinsamen Urlaub im Hotel Hafling Südtirol ! Beziehungen müssen also nicht langweilig sein!

  3. Ich komme aus einer ‚klassischen‘ Familie… Und irgendwann will ich auch mal eine gründen… Aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass sich auch die Mentalität der Männer geändert hat… Ich treffe meist nur auf solche Typen, die Bindungsstörungen haben und mit Frauen nur spielen. Das macht es auch nicht einfach sein Leben mit jmd zu verbringen, weil die meisten keine Verpflichtungen eingehen wollen… Das ist auch ein Faktor, der das Bild der klassischen Familie zerstört :/

    Liebe Grüße
    Sophia

    1. Liebe Sophia, ja das ist leider wahr. Doch umgekehrt habe ich es auch schon erlebt, dass Frauen sich nicht festlegen wollen. Alle warten bis weit über 30 und beschweren sich dann, dass sie niemanden gefunden haben. Da kann man schon von Glück reden, wenn man wie ich in den früheren 20ern jemanden gefunden und geheiratet hat

  4. Ich bin zwar seit Beginn an Alleinerzieherin, glaube aber dennoch nach wie vor an die Familie. Und auch daran, dass man eine Ehe nicht so einfach beenden sollte [wahrscheinlich der Hauptgrund, warum ich nie geheiratet habe, weil ich nie das Gefühl hatte, dass eine Beziehung wirklich „bis auf dass der Tod Euch scheide“ halten würde].
    Interessant finde ich Deine Entdeckung, dass in den Sozialen Medien wirklich vor allem Einzelpersonen in Erscheinung treten. Das war mir bislang noch gar nicht so aufgefallen. Spiegelt aber eigentlich sehr gut die Richtung, die unsere Gesellschaft zurzeit einzuschlagen scheint …
    Schade!

  5. Partnerschaft ist ein ewig währender Kampf. Ist leider so, oder? 😀 Manchmal läuft es besser, manchmal schlechter.

    Ich freue mich über jeden Tag, den wir gemeinsam verbringen und hoffe, dass wir noch viele Jahre zusammen sind.

    Aber die Mentalität schnell aufgeben zu „dürfen“ fällt mir auch auf.

  6. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele „Vorzeigeehen“ von Oma und Opa in einer Zeit waren, in der man sich nicht so leicht hat scheiden lassen. Da ist man auch zusammen geblieben, ohne das noch Liebe vorhanden war.
    Ich selbst empfinde allerdings auch, dass heute Beziehung schneller aufgegeben werden. Allerdings ist das auch ein Zeichen von Freiheit. Jeder kann wählen und hat auch das Recht dazu.
    MfG

  7. Hmm, ich gehöre zu einer Patchwork-Familie.
    Wobei meine Eltern sich erst getrennt haben, als ich schon ausgezogen war – und ich hätte mir, genau wie meine leiblichen Geschwister gewünscht, dass meine Eltern sich viel viel viel früher getrennt hätten. Hätte allen sehr viel Leid erspart 🙂
    Nun ist meine Mama seit sieben Jahren neu verheiratet und mega glücklich und es ist so unfassbar schön, sie so glücklich zu sehen. Und ich hatte plötzlich fünf weitere Geschwister (und sollte mein Vater seine Freundin irgendwann heiraten, noch einen Bruder zusätzlich ;-))

    Ich denke, einfach nur zusammenbleiben, wegen der Kinder, das funktioniert nicht – siehe meine Familie. Aber eine Trennung sollte, wenn sie notwendig ist, gut begleitet werden!

    1. Wie schon geschrieben, bin auch ich Scheidungskind. Ich habe daran aber immer gelitten und habe mich mit dem zweiten Ehemann meiner Mutter nie verstanden. Man kann Glück haben… Oder eben auch nicht

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