Digitale Babysitter

Wir kennen sie alle: viele bunte und laute Spielzeuge, welche lustige Melodien spielen, Handys und Fernsehprogramme, die unsere Kinder unterhalten. Nicht nur Kinder freuen sich über die vielen Eindrücke, auch Eltern finden so ihre Verschnaufpause und können sich in der Zeit der Ablenkung anderen Dingen widmen. Solange alles in einer Gewissen Dosis bleibt, kann auch keiner etwas dagegen sagen. Doch wann gehen wir zu weit mit den digitalen Babysittern?

Es beginnt schon im Babyalter

Bereits die Kleinsten werden schon mit elektrischen Wippen ausgestattet und haben bunte und singende Spielwiesen. Toll für Eltern, die nicht einmal mehr ihr Kind in den Schlaf wiegen müssen. Wir können in aller Ruhe duschen gehen, die Küche sauber machen oder einfach nur ein bisschen am Handy sitzen. Natürlich ist der Alltag mit einem Baby nerven zerreißend. Jedoch werden die Kinder quasi von Geburt an reizüberflutet und verlernen so eine der wichtigsten Eigenschaften: das selbstständige spielen und das Interesse für Tiefsinniges.

Alles singt und spricht

Auch im späteren Alter wird das Spielzeug immer lauter und bunter. Eine Spieltafel zeigt den Kindern alle Geräusche der Tiere, sodass keiner mehr einen Bauernhof besuchen braucht. Der Tiptoi liest dir selbstständig Bücher vor und den Eltern wird auch die schöne Zeit des Vorlesens abgenommen. Werden die Kinder in der Öffentlichkeit unruhig, können sie schon einmal am Smartphone der Eltern sitzen und sich Videos ansehen anstatt zu lernen sich anzupassen und Rücksicht zu nehmen. Und wenn die Eltern viel zu tun haben wird der Fernseher angeschaltet, denn die Auswahl an Kindersendungen ist nicht gerade klein.

Wir leben nichts besseres vor

Eltern, die selbst den ganzen Tag vor Medien sitzen und in ihrem Newsfeed scrollen, während im Hintergrund der Fernseher läuft, sind leider keine besseren Vorbilder. Wie können wir unseren Kindern weismachen, dass das Internet etwas schlechtes ist, wenn auch wir unseren halben Tag dort verbringen? Wieso dürfen unsere Kinder nicht die bunten Kinderserien ansehen, wenn auch wir uns den Tag über Sitcoms reinziehen? Die Einstellung über das Gemeinsame in der Familie beginnt bei den Eltern. Wenn wir unseren Babys nicht genug Aufmerksamkeit widmen und sie nur mit dem Babysitter-Spielzeug beschäftigen, dann lernen auch unsere Kinder später nicht, sich selbst zu beschäftigen. Sie brauchen Idole, welche sich selbst etwas erarbeiten und ihnen vorleben, was sie sind. Wir schaden unseren Kindern und schaden uns selbst. Wir verpassen die reale Welt, weil uns eine Welt automatisch vorgespielt wird. Und dann können auch unsere Kinder diese schwerer kennenlernen.

Alles in Maßen statt in Massen

Das soll nicht bedeuten, dass ich mein Kind komplett ohne elektronisches Spielzeug erziehe. Ich hatte eine normale Wippe, habe mein Kind in meinen Armen in den Schlaf geschaukelt und habe bereits sehr früh begonnen vorzulesen. Aber auch ich hatte eine Spielwiese mit sich drehenden Tieren. Das ganze ging 10 Minuten. In dieser Zeit habe ich erledigt, was ich mit Kind auf dem Arm nicht erledigen konnte. Mehr nicht. Ich bin ein strikter Gegner des Fernsehers. Serien laufen bei uns erst nach 19 Uhr. Und dennoch nutze ich manchmal, wenn ich krank bin oder einen Besuch vorbereiten muss, auch MAL eine Spielfilmlänge am Wochenende aus, während König der Löwen oder Elsa meine Tochter beschäftigen und ich mich eine Stunde hinlegen kann oder eine 20- köpfige Verwandtschaft bekoche. Doch das ist nicht das Thema.

Ich habe genügend Kinder gesehen, die vom Babyalter an nur mit elektronischen Spielzeug beladen werden. Es gibt selbst ferngesteuerte Bobbycars, die während des Fahrens eine Melodie vorspielen, damit die Kinder nicht merken, dass die Eltern nicht auf sie achten. Und diese Kinder tragen ihre Konsequenzen. Sie können und wollen sich nicht auf eine Geschichte konzentrieren, interessieren sich nicht fürs Malen und Basteln und haben kaum Interesse am freien Spielen, das so wichtig für die kindliche Entwicklung ist. Sie haben es schließlich nie lernen dürfen. Sie kommen in den Kindergarten und wissen nichts mit anderen Kindern und Gesellschaftsspielen anzufangen. Sie tanzen aus der Reihe, haben oft in der Schule schwierigkeiten ruhig zu sitzen und sich zu konzentrieren.

Fantasie ist so wichtig

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich mir als Kind erträumt habe, hinter der Wand sei ein geheimer Raum, den niemand betreten kann. In der Hoffnung, sie zu öffnen habe ich geheime Schlösser gemalt. Meine Mutter hat sich verständlicherweise sehr darüber aufgeregt. Aber auch jetzt im Erwachsenenalter lache ich mit meinem Mann und meiner Tochter über lustige Wolkenbilder. Sie selbst hat einmal so konzentriert gespielt, dass sie auf eine Frage von mir nur gemeint hat, ich hätte sie beim Spielen gestört. Sie war so vertieft in ihre Fantasie und konnte alle ihre kindlichen Gedanken ausleben. Sie hört unheimlich gern Geschichten zu und hinterfragt alles, denkt mit. Jede Geschichte, die sie als Film kennt, kennt sie auch aus einem Buch. Ich habe meine Jugend und meine Kindheit genutzt, um meine Fantasie und meine Persönlichkeit zu entwickeln – und würde dies meinem Kind nie durch meine Faulheit nehmen wollen. Bitte lasst Euch nicht von der Freiheit, Euer Kind zu beschäftigen dazu verführen, es dauerhaft von den digitalen Babysittern beafsichtigen zu lassen. Denn nur von Euch können sie die Werte des Lebens lernen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.