Die 1000 letzten Male – vom Erwachsenwerden und Loslassen

Es gibt tausend Momente in der Entwicklung unseres Kindes, die wir festhalten. Die ersten Schritte, das erste Mal “Mama”, zum ersten Mal ein Bild gemalt… Wir führen Bücher darüber und erfreuen uns daran, dass unsere Kinder immer größer und selbstständiger werden. Doch erst viel später merken wir, dass diese Entwicklung auch etwas wehmütiges hat: durch neu erlernte Eigenschaften werfen unsere Kinder alte ab. Diesen Beitrag möchte ich den “letzten Malen” meiner Großen widmen, was ich vermisse und weshalb die Veränderung trotzdem gut ist.

Eltern sein ist nicht schwer

Mütter, die viel Zeit mit ihren Kindern verbringen und die meiste Zeit daheim sind, neigen oft dazu, sich zu beschweren. Sie finden den Alltag schleppend, der Tag geht nicht vorbei und sie fragen sich so oft, wann ihre Kinder denn endlich größer und selbstständiger werden. Immer wieder lese ich diese hoffentlich nicht ganz so ernst gemeinten Beiträge auf allen möglichen Mütterseiten und sehe überall sprüche vonwegen das Elternsein sei so schwer und wäre zu wenig bezahlt. Und dann denke ich an meine Berufsstätigkeit und diese vielen Momente, von den ich viel zu wenig mit meiner Tochter hatte und denke mir immer wieder “so ein Bullshit”.

Jeder Moment geht vorbei

Rückblickend war ich im ersten Jahr jedoch nicht besser. Immer wieder, wenn meine Tochter stundenland weinte dachte ich mir “wann lernst Du endlich sprechen?”. Dies hat sie schon sehr schnell mit nur einem Jahr gelernt. Vorbei war das süße Babydasein, dieser kleine Knopf, der immer auf meinem Bauch schlief während ich genervt dachte “wann lernst du endlich alleine zu schlafen”. Irgendwann kam sie dann nicht mehr, denn sie meinte, dass sie ihre Ruhe bräuchte. Dann hörte das stundenlage gekuschel auf und ich bekomme jetzt wenn sie gütig ist ab und zu eine Umarmung.

Da ich sehr jung Mama wurde, kam mir zudem sehr oft in den Sinn, dass ich eigentlich ganz gerne wieder arbeiten und unter Menschen kommen würde. Ich war nie der Party gänger, daher habe ich meine Me-Time und Friends-Time mir nicht auf diesem Weg verschafft und wenn wir uns sonst mit Freunden trafen, dann immer mit Kind im Schlepptau. Ich habe sehr früh angefangen mich zu bewerben mit dem Hintergedanken, endlich mal wieder ich zu sein und etwas für mein Selbstwertgefühl tun zu müssen. Ich habe Frauen, die sich bewusst dazu entschieden, mehrere Jahre zuhause zu bleiben, nie wirklich verstanden. Ich habe immer geglaubt, dass es das ist, was ich wollte. Und während ich abends nach Hause kam und meine Tochter den ganzen Tag erst bei der Tagesmutter, später im Kindergarten war, wurde sie immer älter und größer und konnte so viel. Und irgendwie rannte die Zeit an mir vorbei und aus diesem süßen Papmpers-Hintern wurde das große, ernste Mädchen, das nächstes Jahr schon zur Schule geht. Nicht umsonst gibt es die Standard-Sprüche im Elternsein “Alles ist nur eine Phase” und “Es wird nicht besser, es wird anders”.

Auch jetzt mache ich oft den Fehler und vergesse im ganzen Stress, mir die Zeit zu nehmen, den Moment zu genießen. Denn immer seltener werden die Momente, in den meine Tochter zu mir kommt und wirklich mich braucht. Sie hat gelernt, alleine in ihrem Zimmer zu spielen und möchte dabei manchmal gar nicht mehr gestört werden. Und viel zu oft passiert es, dass ich genau in der Zeit, in der sie aufnahmebereit ist, einfach keine Zeit habe. Man versucht sich dessen immer bewusst zu sein und dennoch rutschen auch uns immer wieder ungeschickte Zeitpunkte durch. Wir sind schließlich auch nur Menschen. Nur hätten wir so viel Zeit am Tag, das wieder aus zu bügeln…

Wir brauchen die Veränderung

Dennoch ist die Veränderung das, was unser Leben bestimmt und hat auch etwas Gutes. Nicht nur unsere Kinder wachsen mit der Veränderung und dem Fortschritt, auch wir Eltern lernen daraus und verändern uns. Es muss uns immer klar sein, dass, egal wie sehr uns die Kinder in welchem Alter auch aufregen, bald kommt eine Zeit, in der sie es auf eine andere Art und weise tun und viele Gewohnheiten, die sie heute an den Tag legen nicht mehr anwenden. Da macht die Babys zu Kleinkindern, diese wiederum zu Kindern, dann zu Schülern und schließlch zu Erwachsenen. Dadurch, dass wir und unsere Kinder lernen los zu lassen, werden sie zu selbstständigen Erwachsenen, die ihr Leben im Griff haben und auf die wir stolz sein können. Deshalb dürfen wir, so schön manche Momente auch sind, niemals daran festhalten, dass sie bestimmte Gewohnheiten behalten. Dennoch müssen wir uns zusammenreißen und lernen, die Zeit, wie sie ist zu genießen und nicht uns immer eine andere herbei zu sehnen. Mit dem zweiten Kind habe ich eine zweite Chance bekommen. Ich darf alles ab Schwangerschaft und Baby-Alter nochmal genießen und erleben. Dieses Glück wird jedoch nicht jedem gegönnt, denn immer mehr Kinder bleiben alleine. Haltet euch immer vor Augen, dass jeder Moment, den ihr mit eurem Kind erleben dürft, der letzte dieser Art sein könnte und wünscht euch diesen nicht weg.

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