Bedürfnisorientiert erziehen und trotzdem Grenzen setzen – so geht’s

Sicherlich hast auch Du in letzter Zeit von der bedürfnisorientierten Erziehung bzw. dem Attachment Parenting gehört. Viele verbinden damit unerzogene Kinder, die immer ihren Willen durchgesetzt bekommen und Helikopter Eltern, die sich nur nach ihren Kindern richten. Schließlich sagt genau das der Begriff: Orientierung nach den Bedürfnissen der Kinder. Ich möchte Dir heute zeigen, dass Du beides sein kannst: eine Mama, die sich danach richtet, was ihr Kind braucht und trotzdem Regeln aufstellen und Grenzen setzen kann.

Attachment Parenting

Definition

Das Attachment Parenting oder zu Deutsch die bedürfnisorientierte oder bindungsorientierte Erziehung ist ein neuer Trend unter vielen Eltern. Die Organisation Attachment Parenting International (API) vermittet den Eltern, eine fürsorgliche Bindung zu ihren Kindern aufzubauen. Die Methode besagt, dass die Kinder selbst entscheiden, was sie brauchen und die Eltern ihnen diese Bedürfnisse erfüllen. Die Eltern richten sich voll und ganz nach den Bedürfnissen (oder dem Willen) der Kinder.

Zum Beispiel beinhaltet diese eben, dass Babys nicht nach Uhrzeiten gestillt werden, sondern so wie sie eben wollen. Klingt im ersten Moment logisch, ich habe schließlich auch nicht nur alle 4 Stunden durst, sondern trinke eben dann, wann ich das Bedürfnis dazu habe. In vielen Punkten treten hier Probleme und Konflikte auf.

Acht Prinzipien nach API

Die bedüfnisorientierte Erziehung ist nach den folgenden acht Prinzipien aufgebaut:

  • Vorbereitung: schon in der Schwangerschaft stimmt sich die werdende Mutter voll und ganz auf das Baby ein
  • Füttern: es geht weit über das Bereitstellen der Nahrung hinaus. Während des Fütterns versorgt die Mutter das Baby mit Liebe und Nähe. Dies geht natürlich sowohl mit der Flasche als auch beim Stillen
  • Reaktion: kurz gesagt, wird das Baby nicht schreien gelassen / beim Schreien im Stich gelassen, sondern sofort beruhigt
  • Brührungen: sowohl Babys als auch große Kinder brauchen körperliche Nähe in Form von Kuscheln oder Tragen
  • Sicherer Schlaf: im attachment parenting gibt es strikte Richtlinien zum sicheren Schlaf der Kinder, welcher die Nähe der Eltern beansprucht
  • Bestimmtheit
  • Disziplinierung: in der bedürfnissorientierten Erziehung werden Kinder für ihr Fehlverhalten und Ausbrüche nicht bestraft.
  • Gleichgewicht: die persönliche Situation der Eltern darf dem Familienleben nicht in die Quere kommen.

Ziel der bedürfnisorientierten Erziehung

Das Ziel dieser Erziehung ist es, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen. Einige Forscher der kindlichen Entwicklung sind der Meinung,dass es die Beziehung zum Kind und nicht die Erziehung des Kindes ist, welche später bestimmt, ob es sich integriert, wie es sich uns und fremden Menschen gegenüber benimmt und wie es aufwächst. Denn ein Kind, welches eine gute Beziehung zu den Eltern aufbaut, möchte diese mit seinem Verhalten nicht verärgern oder gar verletzen.

Auch später wird sich mein Kind als Person ernst genommen fühlen und ein ausgeglichener Mensch werden, wenn es schon im Elternhaus den richtigen Umgang hatte und “wichtig” war. Zudem wird das Kind immer darauf Vertrauen, dass die Eltern für ihn da sind, wenn es diese braucht.

An sich ist das ein spannender und logischer Gedanke. Denn ein Kind, welches eine tiefe Bindung zu seinen Eltern hat begegnet ihnen bestimmt im ersten Moment rücksichtsvoll. Doch beeinflusst das den Charakter meines Kindes?

Probleme dieser Erziehung

Die bedürfnisorientierte Erziehung bringt jedoch einige Probleme mit sich:

  • Die Eltern und vor allem die Mütter sind oft ausgelaugt und erschöpft. Schließlich halten wir den Kindern den ganzen Tag die Brust hin, tragen sie die halbe Nacht rum, weil sie eben nicht alleine schlafen wollen. Ich habe einen ganzen Monat auf dem Rücken liegend mit dem Baby auf meinem Bauch geschlafen, weil sie sich überhaupt nicht weglegen lassen wollte. Ich war müde, erschöpft, mir tat alles weh… Und das nur, weil sie eben das Bedürfnis dazu hatte. Ganz schön naiv, wie ich mir im nahinein denke.
  • Der Alltag muss irgendwie dennoch bewältigt werden. Wir können morgens nicht einfach weiter schlafen, weil das Baby nachts eben einfach nicht müde war. Wir haben einen einigermaßen strikten Ablauf, Termine und nötige Erledigungen.
  • In unserer Gesellschaft gibt es gewisse Regeln, die befolgt werden müssen und wir Eltern kommen nicht drum herum, diese Werte unseren Kindern beizubringen. Es gibt nun einmal Richtlinien, an die wir uns halten müssen und nicht in jeder Situation ist es förderlich, seine Gefühle frei zu offenbaren. Das müssen auch Kinder früher oder später erlernen
  • Auch wir Eltern sind nur Menschen mit Gefühlen. Besonders wer schwierige Kinder bedürfnisorientiert erziehen möchte, kommt an seine Grenzen, da diese, wenn man ihnen freien Lauf lässt, ganz schön aus der Reihe tanzen und uns verletzen können. Hierzu haben die Forscher eine feste Meinung, dass die Kinder ihre Gefühle eben nicht beherrschen können und wir als Eltern diese nicht unterbinden dürfen. Doch keiner von uns muss sich den ganzen Tag anschreien oder gar schlagen lassen

Liebevoll Grenzen setzen

Wenn man sich das Ganze so zergehen lässt, lässt das Attachment Parenting wirklich nicht viel Raum, um den Kindern zu vermitteln “jetzt ist es genug”. Aber was haben wir von gefühlsstarken Kindern, überforderten Eltern und einer zukünftigen Gesellschaft oder jegliches Gefühl für Selbstdisziplin und Ordnung? Wir wären rücksichtslose und einsame Menschen! Ich möchte die bedürfnisorientierte Erziehung keinesfalls angreifen, denn auch ich nehme meine Kinder als wichtige Persönlichkeiten wahr und würde ihre Gefühle niemals untergraben! Auch ich gehöre zu den Müttern, die ihr Baby niemals schreien lassen, bei jedem Verlangen füttern und sich mit den großen Kindern auf stundenlange Diskussionen einlässt, weil diese eben etwas nicht möchten, das für uns Erwachsene völlig unvorstellbar ist. Doch ich bin der Meinung, dass auch Kinder sich ein Stück weit an den Gefühlen und Bedürfnissen der anderen orientieren müssen. Auch ein Kind muss wissen, dass ich nicht immer alles stehen und liegen lassen kann, nur um danach zu schauen oder es zu bespaßen…

Was kann Dein Kind bereits verstehen?

Beim Grenzen setzen geht es oftmals darum, was für Dein Kind schon erträglich ist. Natürlich kann ich von keinen Baby verlangen, dass es nachts Rücksicht darauf nimmt, dass ich gerade müde bin und nicht zwei Stunden mit diesem durch die Wohnung laufen kann, damit es wieder einschläft (wobei ich auch hierzu schon Kritik bekommen habe von Müttern, die das nie mit sich machen lassen würden). Ein Kindergartenkind kann aber sehr wohl verstehen, dass ich nachts nicht mehr das volle Unterhaltungsprogramm ausfahre. Klar, gehe ich nachts auch mal zu meiner Großen, denn diese schläft mit ihren bald 6 Jahren immer noch nicht durch. Nach dem zweiten Mal sage ich aber, dass es jetzt reicht und in diesem Alter kann ich erwarten, dass sie dies versteht.

Genauso kann ich von einem Dreijährigen aber auch erwarten, dass es die Eltern nicht hauen darf, weil es weh tut. Hier stoßen wir an die Grenzen des API, welches der Meinung ist, dass Kinder eben diese negativen Gefühle zulassen können muss, da es schädigend für die psyche des Kindes sei, wenn es diese unterdrückt.

Mit meiner Großen hatte ich auch lange das Problem, dass sie uns gehauen hat. Mir gegenüber hat das erst aufgehört, als ich schwanger wurde, weil sie kurioserweise ihre Schwester im Bauch nicht verletzen wollte. Beim Papa ging das aber eine ganze Weile weiter. Anstatt dieses Gefühl bei dem Kind zu unterdrücken könnte man nach Alternativen suchen: meine Große geht seit einem Jahr ins Kickboxen und kann dort zwei Mal die Woche ihre Energie auslassen.

Nein ist nein

Bedürfnisorientiert zu erziehen bedeutet in meinen Augen auch nicht, dass ein “bis hier her und nicht weiter” nicht stattfinden darf. Mein Kind kann nur zu einem starken und bestimmten Menschen werden, wenn es Grenzen kennt und vorgelebt bekommt. Wie soll es später auch bestimmt NEIN sagen können, wenn die Eltern alles mit sich haben machen lassen? Das Kind muss ein NEIN der Eltern genauso resprektieren, wie auch wir die Grenzen unserer Kinder kennen und annehmen. Beide müssen das Recht haben, NEIN sagen zu dürfen. Das macht das Kind nicht schwach, sondern stark!

Deshalb sind Grenzen so wichtig

  • Grenzen dienen meist der eigenen Sicherheit. Ein Kind muss wissen, dass es nicht über die Straße rennen darf, sich draußen an seine Eltern halten muss, hören muss etc., da ansonsten etwas passieren könnte
  • Grenzen sind wichtig, um rücksichtsvoll mit anderen umgehen zu können
  • Grenzen dienen Kindern als Orientierung und geben ihnen Halt
  • Diskussionen müssen nicht jedes Mal aufs Neue entstehen, da die Erwartungen an das Kind klar sind. Wenn die Grenzen jedes Mal diskutiert werden müssen, ist es für Mutter und Kind anstrengend
  • Dein Kind ist geistig nicht in der Lage, sich selbst Grenzen zu setzen, es braucht Deine Hilfestellung

Wenn das Kind Dir auf der Nase rumtanzt…

so kannst Du bestimmt aber liebevoll Grenzen setzen:

  • Erkläre Deinem Kind, weshalb es wichtig ist, gewisse Grenzen einzuhalten (z.B. wenn Du mich haust, dann tut es mir weh)
  • Bleibe konsequent bei der Grenze. Ausnahmen verwirren Dein Kind, denn es kann nicht unterscheiden, wieso es dieses eine Mal etwas doch durfte, das andere Mal aber nicht.
  • “Ich verstehe Dich, aber ich sehe das so…” gehe immer auf die Gefühle des Kindes ein, mache ihm aber dennoch deinen Standpunkt klar
  • wenn Dein Kind größer ist, kannst Du Dir mit ihm geminsam Regeln überlegen, die ihr beide einhalten müsst
  • Lasse die Enttäuschug zu: Dein Kind darf dennoch seine Gefühle dazu äußern. Dies wird vergehen und es wird die Grenze akzeptieren

Wie setzt Du Grenzen? Was ist Dir dabei wichtig? Schreibe darüber in einen Kommentar 🙂

7 Antworten auf „Bedürfnisorientiert erziehen und trotzdem Grenzen setzen – so geht’s“

  1. Liebe Wioleta,

    mit großem Interesse habe ich deinen Artikel gelesen. An der Stelle möchte ich dich gern mal zitieren, denn ich finde mit der Aussage hast du den Nagel auf den Kopf getroffen:
    “Doch ich bin der Meinung, dass auch Kinder sich ein Stück weit an den Gefühlen und Bedürfnissen der anderen orientieren müssen. Auch ein Kind muss wissen, dass ich nicht immer alles stehen und liegen lassen kann, nur um danach zu schauen oder es zu bespaßen…”

    Ich sehe das genauso. Ja, Kinder müssen sich Zwang frei entwickeln dürfen, aber so ganz ohne Spielregeln kann es einfach auch nicht gehen. Selbst die Kleinen in der Tierwelt müssen sich an Regeln halten, damit sie überleben können. Auch wenn das jetzt auf den ersten Blick ein komisches Beispiel sein mag, aber ich finde, nichts funktioniert ohne wichtige Regeln. Klar, es sollte nicht überladen sein und es muss auf das notwenigste Beschränkt sein.

    Liebe Grüße,
    Mo

    1. Liebe Mo,
      Danke dass Du eben dieses Beispiel rauspieckst. Ich stehe mit vielen Frauen in Kontakt, die schwierige Babys und Kinder haben. Ein Satz den ich häufig höre ist “ich muss sogar mit dem Baby auf dem Arm auf Toilette”. Das geht mir einfach nicht runter. Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit hin oder her, ich würde mein Baby niemals auf dem Arm lassen um zu pinkeln. Da ist meine persönliche und auch körperliche Grenze erreicht!

  2. Ich persönlich bin ein Verfechter zweier Prinzipien in der Erziehung. Ersten bin ich dafür, dass Kindern Grenzen brauchen. Dies bedarf natürlich eines an Konsequenz von Seiten der Eltern. Und zweitens halte ich es für unerlässlich dem Kind ganz viel Liebe zu zeigen.
    LG
    Carina

  3. Ich bin auch große Verfechter der bedürfnisorientierten Erziehung! Wir leben das zu Hause auch. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Formulierung “Grenzen setzen” hier ungünstig gewählt ist. Meiner Meinung nach müssen Grenzen nicht gesetzt werden. Sie ergeben sich aus dem Miteinander. Durch Vorlieben des Respektieren von den Grenzen und Bedürfnissen des Kindes, lernen die Kinder auch früher oder später unsere Grenzen und Bedürfnisse zu schätzen. Wenn es eben entwicklungsbedingt möglich ist. Trotzdem sehr interessanter Ansatz.

    Liebe Grüße
    Britta von http://www.fraufreigeist.de

    1. Ich finde das ist ganz abhängig vom Kind selbst. Manche reicht es nicht zu leiten, sie brauchen feste Vorgaben, um die Orientierung nicht zu verlieren

  4. Interessanter Ansatz. Da fällt mir der Spruch von Oscar Wild ein: “Anfangs lieben Kinder ihre Eltern, wenn sie älter werden, halten sie Gericht über sie; manchmal verzeihen sie ihnen”. Egal welchen Ansatz eine Erziehung hat, man macht immer Fehler und man gibt sein Bestes.

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